Um 8 öffnet die Schule ihre Türen. Momentan allerdings das Tor zum Sportplatz auf dem 2 kleine Fabriken aufgestellt wurden, in denen sich der Unterricht einiger Klassen abspielt. Neben der Schule, in der zur Zeit gebaut wird. Zur Zeit... angeblich schon eine ganze Weile und der Termin verschiebt sich immermal einige Wochen nach hinten. Gerade handelt es sich dabei um den 20. Oktober. Mal schauen.
Der Unterricht beginnt für alle Klassen um 9 Uhr. Nach und nach trudeln die Schüler ein. Auch die Profes. Ich habe verschlafen. Halb 9 betrete ich das vorübergehende Schulgelände. Nach einem bewölkten Wochenende knallt die Sonne heute wieder besonders stark auf die Köpfe der dunkelhaarigen (und selten auch nicht-so-dunkelhaarigen) Menschen. Heute sind meine 3 Kolleginnen schon vor mir da. Und einige Kids sitzen an dem kleinen Tisch. Es fällt kaum auf, dass ich etwas später dran bin. Ich ziehe ein anderes Shirt an und meine superschicke Schürze und geselle mich an den kleinen Tisch zu den Kindern. Einige sind schon mit Spielsachen beschäftigt, die die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn überbrücken. Es kommen weitere Kinder an. Ich biete ihnen Puzzles, Bausteine und andere Dinge an, die ich aus Kartons mit viel Ramsch herauskrame. Besonders gefragt sind die neuen Spielsachen von Dani. Die sind noch ganz ... im Gegensatz zu den meisten anderen Dingen.
Ich helfe seit meinem ersten Tag in zwei zusammengelegten Klassen aus: der inicial (Vorschulalter) und primer grado (Normalerweise besteht jede Klasse aus 6-8 Kindern und 2 Profes, einer Pädagogin und einer Art Hilfskraft). Die Kleinsten der Schule. Die insgesamt 6 Klassen staffeln sich bis ins Alter von ungefähr 18 Jahren. In unserer Gruppe gibt es 12 Kinder. Wenn alle kommen. Letzten Monat waren noch 2 Gesichter mehr auf dem Plakat an der Wand, auf dem die Anwesenheit mehr oder weniger regelmäßig eingetragen wird. Jetzt sind sie dort nicht mehr zu sehen. Neuer Monat, neues Plakat.
Insgesamt sind wir 4 Profesoras für nicht ganz 12 Kinder. Vielleicht waren ein- bis zweimal in den letzten 5 Wochen alle Kinder da. Einige Kinder sind so gut wie immer da, andere kommen sehr unregelmäßig.
Viertel 10 beginnen wir dann endlich mit dem Unterricht. Heute können die Kinder leider nicht ihren Fingerabdruck unter ihr Foto setzen, und wir haben auch keine Zeit um zu singen und über den heutigen Tag zu sprechen (Wetter, Wochentag, Datum etc.). Ende der Woche ist "Día de personas con discapacidad". Discapacidad... obwohl ich das oft höre, zucke ich immernoch zusammen. Die Fachschaft Förderpädagogik hat mich dahingehend gebranntmarkt. Die Sprache beeinflusst unser Denken, irgendwie. Unsere Gewohnheiten allerdings auch. Denke ich genauer darüber nach, bemerke ich, wie weit es diese innovativen Gedanken und Ideen der Sonderpädagogik in Deutschland wirklich geschafft haben. Und plötzlich ist der Unterschied garnicht mehr so groß.
Es werden Plakate gemacht. Fotos. Bilder gemalt, geklebt, gestaltet und zum Ausstellen auf große Pappflächen geklebt. Viele Schilder ziert der Spruch "Todos somos únicos y especiales". Wir sind alle einzigartig und besonders.
Außerdem bereiten wir die Geschichte des Rattenfängers von Hameln vor. Es gibt also einiges zu tun.
Viele Kinder brauchen Unterstützung. Zum einen sind sie noch ziemlich jung, zum anderen aber auch durch ihre besonderen Bedürfnisse nicht zu allem in der Lage, was ein Ergebnis für viele Profesoras schön genug aussehen lässt oder schnell genug geht. Schade, denke ich mir. Die Idee ist gut, viele Ideen zur Umsetzung auch. Doch für viele Kinder geht es zu schnell. Das Ergebnis interessiert manchmal mehr als der Weg des Kindes dorthin. Ich setze mich neben Frank. Er sitzt im Rollstuhl. Den hat er noch nicht lange. Vorher war es ein Baggy. Seitdem er im Rollstuhl sitzt, ist er viel größer, sitzt aufrecht da und beobachtet seine Umwelt. Ich befestige eine kleine Tischplatte an seinem Sitz und lege ihm sein Blatt Papier zurecht. Ich rede mit ihm, bewege ihn, er lacht mir ins Gesicht. Ich mag sein Lachen. Es ist ganz groß und ehrlich. Manchmal glukst er dabei. Ich nehme mir Zeit... die Hektik um mich herum versuche ich auszublenden. Frank ist ca. 6 Jahre alt. Spricht nicht und bewegt sich nicht viel. Aber Stimulation und Bewegung findet er wahnsinnig toll. Ich gebe ihm die Wachsmalkreide in die Hand. Anstatt zu malen, bewegt er sie zum Mund und freut sich, wenn er sie wieder auf den Tisch fallen lässt. Nachdem ich ein bisschen mitgespielt habe, halte ich die Kreide in seiner Hand fest und bewege sie auf dem Blatt. Mal langsam, mal schneller. Nach oben, unten, links und rechts. Verschiedene Muster. Ich versuche dazu zu sprechen. Er lacht. Dass wir gerade einen großen Apfel ausmalen, sage ich ihm. Aber das scheint ihm nicht so wichtig zu sein.
Die anderen Kinder sind schon fertig und werden ermahnt, sich auf ihren Platz zu setzen. Nach dem langen Stillsitzen haben sie das Bedürfnis, herumzuspringen und zu toben. Des vorübergehende Klassenzimmer gibt dafür nicht viel her. Es werden Spielsachen aus den Kartons gewühlt, umhergeworfen, einige kämpfen darum oder auch nur zum Spaß. Immerwieder höre ich ein lautes "Sientate!" (Setz dich!). Energie, die raus will. Ich schnappe mir einige Kinder und gehe mit ihnen auf die Toilette. Wir rennen auf dem Weg dorthin, hüpfen umher, machen Blödsinn. Neben den Toilettenhaus ist der Spielplatz. Die wartenden Kinder rutschen ein paarmal. Alle fertig? Listo. Wir springen zurück in die Klasse.
Um 1 Uhr am Mittag werden die ersten Kinder abgeholt. Die Eltern sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst. Claro. Viele kommen aus bescheideneren Verhältnissen. Trotzdem mit einem Lächeln im Gesicht. Ciao señorita. Hasta mañana. Bis um 2 spiele ich mit den anderen Kindern, bis sie nach und nach abgeholt werden.
Das Arbeiten in der Schule ist eine Berg- und Talfahrt für mich. Es macht Spaß mit den Kindern. Manchmal ist es schwierig, weil ich nicht alles ausdrücken kann, was ich möchte. Oft will ich den Kindern viele Dinge erklären, sie nach irgendetwas fragen und kann es nicht oder denke vielmehr, es nicht zu können. Die meisten Kinder in meiner Gruppe reden nicht oder nicht viel. Das macht vieles leichter für mich, einiges aber auch schwerer. Obwohl relativ viele Lehrkräfte da sind, beschäftige ich mich oft alleine mit den Kindern.
An die Pädagogik oder die Rolle als Lehrkraft muss ich mich gewöhnen. Die Motivation ist irgendwie eine andere, aber auch sie kann ich irgendwie, wenn ich mir Mühe gebe, nachvollziehen.
Meinen Platz habe ich irgendwie noch nicht so richtig gefunden. Aber dafür habe ich ja auch ein Jahr Zeit. Was wird von mir erwartet? Wie kann und darf ich mich einbringen? Ich hoffe, ich werde es mit der Zeit herausfinden.
Eins weiß ich. Es ist gut, dass ich hier bin. Gut für mich, um zu lernen. Über mich zu lernen, über die Kids und die Kultur. Gut für die Kinder, dass jemand da ist, der Blödsinn mit ihnen macht und sich Zeit nimmt für ihre Bedürfnisse. Und vielleicht auch für die Profes, dass jemand da ist, der nachfragt, wenn er etwas nicht versteht.
Das letzte Kind ist abgeholt. Ich stelle die Stühle nach oben und versuche ein wenig aufzuräumen. Die anderen Profes sind meistens schon weg. Eine seltsame Ruhe macht sich breit; auf dem Schulgelände und auch in mir. Der Klassenraum sieht chaotisch aus. Aber normal. Ich ziehe meine Schürze aus, packe meine Tasche, verabschiede mich von den übriggebliebenen Kindern, Jugendlichen und auch Profes der anderen Klassen und schließe das Tor hinter mir.
Feierabend.
Im Kopf jedoch nicht...