Freitag, 23. Dezember 2011

esta lloviendo!

Es hört sich anders an. Die Schritte der Menschen, die mit Plastiktüten um das Haar gebunden durch die Straßen laufen, das Rollen der Autos und Busse, das Gehupe und auch die Rufe der Straßenhändler und Cobradores. Ich hole Anlauf und springe mit einem Satz über den anschwellenden Bach Regenwasser auf der Straße. Ich lache. Meine Stoffschuhe sind schon halb aufgeweicht. Irgendwie konnte ich es mir nicht nehmen lassen, die kleinen und großen Pfützen weiter unten in der Straße mitzunehmen. Ein bisschen fühle ich mich wie ein kleines Kind, dass sich nach einen dreiviertel Jahr wieder über den Schnee freut. Wahrscheinlich bin ich auch genau das, nach vier Monaten ohne Regen. Irgendwie aufgeregt.
Die staubtrockene Stadt saugt den Regen auf, als dürste sie es schon seit Jahren danach. Obwohl die aufziehenden Wolken schon seit Wochen den bevorstehenden Regen ankündigen, scheinen die Peruaner etwas überfordert... planlos... unvorbereitet. Auf den Straßen steht das Wasser. Der Verkehr ist vielleicht noch ein bisschen chaotischer, wer weiß. Stromausfall. Irgendwie schön!

Die Straßen sind voller Menschen, Autos und vieler anderer Dinge... wir halten den nächsten Kombi an. Es scheint als passt diesmal wirklich kein Mensch mehr hinein. Im schmalen Mittelgang des Busses drängen sich die Menschen schon in Dreiherreihen. Vamos, sag ich und wir springen durch den Regen zum Kombi. Sube atras! Avanza! Arriba! Wir müssen schieben. Perdon! Schlussendlich landen wir auf der untersten Stufe der geöffneten Hintertür des Busses... Jule schaut mich an und wir fangen an zu lachen. Das Wasser der Straßen spritzt uns an die Beine. Der frische Regenduft weht uns ins Gesicht, während die anderen Passagiere wahrscheinlich um jedes bisschen Frischluft kämpfen müssen. Ich fühle mich wie ein Cobrador, hänge aus der Tür und muss mir verkneifen, die Stationen auf die Straße zu rufen.
So zusammengepresst im Kombi, wo jeder jeden festhält, damit er nicht in der nächsten Kurve aus der Tür fällt, kommt irgendwie ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. Ich habe das Gefühl, die Menschen freuen sich über den Regen. Vielleicht ist Regen zu Weihnachten hier ein bisschen wie weiße Weihnacht in Deutschland.

Jule weckt mich am frühen Morgen. Boah, Resa, hast du den Misti schon gesehen. Was? Leicht verschlafen werfe ich ein Blick aus dem Fenster. Unglaublich. Ich kann es kaum fassen. Die wenigen Stunden Niederschlag gestern haben dem Misti ein weißes Kleid umgehangen. Die Wolken verziehen sich langsam weiter Richtung Anden und Selva. Seit ein paar Stunden knallt wieder die Sonne. Es ist eben Sommer in Perú. Ich blicke in Richtung Berge und denke, dass ich vielleicht sogar mehr Schnee sehen kann als Viele in der Heimat. Weihnachten mal anders. Ich freue mich schon auf den nächsten Regen.


Eine passende Gelegenheit um der Welt frohe Weihnachten zu wünschen. Für mich scheint es dieses Jahr nicht so wichtig zu sein. Auf die sorgenden Worte, die mich bereits erreicht haben, erwidere ich an dieser Stelle: Meine Heimat und die lieben Menschen werden mir morgen nicht mehr und auch nicht weniger fehlen als an anderen Tagen!

Abrazos de Navidad!

El Misti en el verano... jaja


Montag, 19. Dezember 2011

nublado


Ich habe das Gefühl, dass die Wolken, die langsam über der Stadt aufziehen, sich auch in meinem Kopf breit machen. 

Elodie und ich sitzen auf dem Balkon. Die schwarzen Füße gegen das weiße Geländer gelehnt, wie immer. Die zahlreichen Abdrücke lassen sich gut zurückverfolgen. Der eigentliche Blick auf den Misti und den Picchu Picchu wird uns heute Nachmittag durch eine dicke Schicht, schwerer, grauer und nach Regen aussehender Wolken verwehrt. Seltsam, aber das haben wir die Tage schon öfter gehabt.

Wie es mir ginge, fragt Elodie. Ich überlege und merke dabei schnell, dass sich die Frage gar nicht so schnell und einfach, wie sonst, beantworten lässt. Dennoch schiebe ich ein „Bien!“ vorneweg.  Sie schaut mich an und lächelt. Ich weiß, dass sie mir das nicht glaubt. Ich krame alle spanischen Worte zusammen, die ich in den letzten dreieinhalb Monaten gesammelt habe und erzähle ihr, was mir seit Tagen den Kopf vernebelt.

Nach dreieinhalb Monaten habe ich die Zeit des Ankommens, Eingewöhnens und Staunens soweit hinter mir, dass Platz für neue, andere Gedanken ist. Die schwerwiegenden Probleme mit Sprache und Kommunikation sind zum größten Teil überwunden. Ich habe begriffen, dass ich für ein Jahr als Freiwillige in Perú eine Förderschule unterstützen werde. Was auch immer das jetzt für mich bedeutet!?
Was auch immer es bedeutet, wenn man merkt, dass die Ideale, Werte, Einstellungen und die Mentalität doch um einiges mehr von Herkunft beeinflusst sind, als man es jemals für möglich gehalten hat. 

Es ist Fiesta in der Schule. Die Kinder müssen still auf den Stühlen sitzend auf ihre Geschenke warten. Ein Kind steht auf und springt durch den bunt gestalteten Innenhof. Die Stimme der Profesora übertrumpft die Musik: Setz dich hin! Was ist los mit dir? Bevor das Gebrüll und Geschimpfe lauter wird, gehe ich hin und nehme das Kind mit zu mir. Da muss es nicht ganz so stocksteif dasitzen. Die Lehrerin sieht, dass es auf meinen Schoß rumturnt und schaut mich fragend an. Du musst strenger sein! Er versteht es sonst nicht. Ich antworte kopfschüttelnd, dass ich nicht strenger sein kann und will und dass er nach einer Stunde stillsitzen einfach nicht mehr länger kann und Bewegung braucht. Kaum ausgesprochen bin ich erschrocken über das, was ich gesagt habe. Zum einen war es das erste Mal, dass mein Spanisch dafür ausgereicht hat, zum anderen habe ich dem entgegengesetzt, was ich eigentlich mit meinem kulturellen Hintergrund gar nicht richtig verstehen kann. Genau in solchen Momenten frage ich mich, wie ich meinen Platz in der Schule finden kann. Mit dem Wissen, dass ich Sachen sehe und erlebe, die ich nicht verstehen und nachvollziehen kann. Mit dem Wissen, dass ich mich mit meinem mangelhaften Spanisch nicht auf gleichem Niveau unterhalten kann. Mit dem Wissen, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, um zu verstehen. Und dem Eingeständnis, dass ich hier angekommen, eigentlich nichts weiß. Nichts über die Mentalität, die Pädagogik, die Erziehung, die Elternhäuser, den Grund der doch sehr unterschiedlichen Motivation. Aber dennoch in manchen Situationen die Hände über dem Kopf verschränken könnte. Ohne tatsächlich zu wissen, ob ich ein Recht dazu habe…

Die Kinder haben jetzt eine lange Zeit Weihnachts- und Sommerferien. Wir arbeiten trotzdem noch: Papiere, Dokumente, Berichte und Diskussionen darüber, wie wir das Curriculum im kommenden Jahr angehen. Mir wurde angeboten, die Kinder in dieser Zeit zu Hause zu besuchen und die Idee und das proyecto educativo, was hinter der Schule steht, kennenzulernen. Vielleicht eine Möglichkeit dem näher zu kommen, dem ich mich gerade leider so fern fühle…

Elodie nickt zustimmend. Ihr ginge es ähnlich. Wie wundervoll, dass unser Spanisch nach dreieinhalb Monaten endlich für solche Gespräche ausreicht. Sie hat Recht. Der Gipfel des Mistis schaut, in Farben des Sonnuntergangs getaucht, aus den Wolken hervor. Irgendwie gut das wir hier sind, mit allen Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, die wir haben und Erfahrungen die wir machen; hier und über uns selbst.


Montag, 14. November 2011

Kleinigkeit

Ich fass es nicht...

... nach sieben Minuten habe ich das Gefühl meine Lungen würden sich jeden Moment nach außen krempeln. Aber auch sie müssen sich wohl an sowas gewöhnen. Für den Anfang ist es ok und sicherlich normal. Mit Laufsachen, rotem Gesicht und nach Luft ringend biege ich in den Mercado ab. Auf schnellstem Weg zu dem Brotregal. Ganz oben rechts in der Ecke liegt das Vollkornbrot. Ich komme mir schon irgendwie dekadent vor, während ich nach dem schwarzen Brot greife auf dem dick und fett "Sonnenblumenbrot" steht. Nebenan in den Regalen findet man beim genaueren Hinsehen "Apfelrotkohl" und "Sauerkraut" und andere kaum bezahlbare Dinge aus Deutschland. Ich frage mich, was das soll. Und vor allem frage ich mich, warum ich nicht darauf verzichten kann. Ich ärgere mich über mich selbst und trage das Brot zur Kasse.

... es tut einen Schlag und irgendetwas schleift links unten auf der Straße. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich sitze etwas tiefer als die Leute auf der rechten Seite. Der Combi hält an und lässt uns alle aussteigen. Gerade eben habe ich mich tatsächlich noch darüber gewundert, dass die doch sehr alt und kaputt scheinenden Autos und Busse, doch so unkaputtbar sind. Ich strecke die Hand aus nach dem nächsten Combi.

... mein Gesicht spannt. Wir lachen über unseren Sonnebrand ohne Sonne. Und wir haben schon angefangen uns über die Wolken zu ärgern, als wir unsere Füße in den warmen Sandstrand eingruben. So viele Wolken hatten wir lange nicht gesehen. Kein Sonnenstrahl, wie seltsam. Dennoch eine Wärme am Strand. Nachdem uns eine unerwartete Welle die Kleider bis zum Oberschenkel überflutet hatte und der erste Schock über die Kälte des Wassers überwunden war, stürzten wir uns komplett in die Wellen. Kaum Menschen am Meer. Die Saison geht erst im Dezember los, wurde uns gesagt. Camaná ist wie ausgestorben. Man sieht immernoch die Spuren des Hurricanes 2001. Erschreckend, irgendwie.


... 14 Uhr. Samstag. Die Sonne knallt, kaum auszuhalten. Von weitem höre ich eine Melodie. Ach, das Müllauto. Ich habe schonwieder vergessen, den Müll auf die Straße zu stellen. Aber die Melodie hat sich verändert. Statt der Dauerschleife von "Für Elise" steht jetzt "Jingle Bells" an. Die Bäume blühen. Meine Arme und Schultern sind brauner als jemals zuvor. Ich stehe auf der staubtrockenen Straße, im Sommerkleid mit Sonnenbrille und denke "Es wird Weihnachten!"

... wie die Zeit rast. In zwei Wochen muss ich meinen ersten Quartalsbericht geschrieben haben. Ein Viertel ist schon um. Die Zeit ist viel schneller als ich.

... wie schwer es ist, Kleinigkeiten in Worte zu fassen... Viel zu viel nicht zu fassen. Deswegen nur eine Kleinigkeit. Hasta Pronto!




jule am pazifik




janika conmigo



Dienstag, 1. November 2011

Si, se pueden!


Ich liege auf dem höchsten Fleck Erde, was ich jemals betreten habe. Das Atmen fällt schwer. Mein Kopf schmerzt. Ich bin müde. Obwohl ich dagegen kämpfe, fallen mir die Augen zu und ich falle in einen kurzen, aber sehr tiefen Schlaf. Stimmen um mich herum rufen. Theresa. Theresita. Levanatate. Mira, que bonito. (Steh auf. Schau, wie schön.) Ich öffne die Augen und sehe das Gipfelkreuz. Ich schließe sie und öffen sie wieder. Wirklich, das Gipfelkreuz. Ich fass es nicht, ich hab‘s geschafft. Und wieder: Levantate Theresita! Verdammt, ich würde ja gerne.

Jose sagt mir, dass ich aufstehen soll und dass es mir gleich wieder besser geht, sobald wir absteigen. Aufstehen? Die Aussicht genießen? Fotos machen? Und danach absteigen? Ob ich das schaffe? 

Ich kann mich nicht erinnern, wie lang ich auf dem Gipfel lag, bevor ich aufstehen konnte. Vielleicht zwei Minuten, vielleicht 20… Ich setze mich auf. Nachdem ich den Schwindel überwunden habe, sehe ich, was alle anderen schon fleißig fotografieren. Arequipa – so klein. Die Berggipfel der Anden – fast auf gleicher Höhe. Und den riesigen Vulkankrater des Mistis. In der Tat wunderschön. Ich krame die Kamera aus meiner Jackentasche, stehe langsam auf. Wow. 5822 Höhenmeter. Ich muss Lachen. Und selbst das ist gar nicht so leicht auf dieser Höhe…

Nach 4 Stunden Schlaf bin ich am Vortag um 5.00 a.m. aufgestanden um mit einer Gruppe aus insgesamt acht Personen den Vulkan zu besteigen, der über Arequipa thront. Seit einer Woche denke ich jedes Mal, wenn ich den Blick gen Himmel richte: Am Wochenende stehst du da oben! (Dass ich im Endeffekt vielmehr „da oben“ lag als stand, soll an dieser Stelle vernachlässigt werden.) Zumindest hoffte ich das, nachdem ich von sämtlichen Leuten Geschichten gehört habe vom Aufgeben, Verlorengehen, schlimmsten Auswirkungen der Höhenkrankheit, Unfällen und Ähnlichem.  
Um 7 Uhr starteten wir mir gepackten Rucksäcken auf einer Höhe von etwas mehr als 3000m die erste Etappe. Mit vielen Keksen und Süßigkeiten und natürlich Coca in den Taschen. Der Aufstieg glich Anfangs einer angenehmen Wanderung durch eine steinige Landschaft mit Steppengras, niedrigen, blühenden Büschen und einigen seltsamen größeren Insekten. Das Campamento, was wir gegen Mittag erreichen wollten, liegt auf einer Höhe von 4600m. Nach und nach verabschiedeten wir uns von den wenigen grünen Pflanzen, wanderten über sandigen bis steinigen Boden und kletterten über steile felsige Abschnitte. Trotz gutem Schuhwerks macht einem  der weniger feste Untergrund zu schaffen. Drei Schritte aufwärts, zwei Schritte abwärts rutschend. Mit der Zeit spürt man die Höhe immer mehr. Schwere Atmung. Kopfschmerzen. Langsame Bewegungen. Müdigkeit. Es wird kälter. Aber die Sonne brennt umso mehr.

Wie geplant erreichen wir kurz nach Mittag das Campamento, schlagen die Zelte auf. Es gibt Pasta. Dick eingepackt schlafen wir im warmen Vulkansand in der Sonne ein. Der kalte Wind pfeift uns um die Ohren und treibt uns zum Schlafen in die Zelte. Gegen Nachmittag kommen mehr Menschen an, die ihr Glück versuchen wollen, den Gipfel zu erreichen. Als ich halb 5 p.m., halbwegs ausgeruht von der ersten Etappe und etwas mehr an die Höhe gewöhnt, aus dem Zelt krieche, hat sich die Luft um einiges abgekühlt. Die Sonne nähert sich dem Untergang. Ich schaue den Berg hinab und staune über die Vielzahl von Zelten. Jose erzählt mir, dass manchmal bis zu 120 Menschen gleichzeitig die aus gestapelten Rocas gebauten, windgeschützten Schlafplätze aufsuchen. Krass. Jetzt sind es schon viele, finde ich. 30 vielleicht. Zum Sonnenuntergang gibt es Gemüsesuppe. Passend zur Kälte. In der Nacht sollen sich die Temperaturen auf dieser Höhe dem Nullpunkt nähern. Ich habe jetzt schon alles an, was ich dabei habe. Vamos a ver. 
Sonnenuntergang. Traumhaft. Klar. Die Lichter und Geräusche der fernen arequipenischen Samstagsnacht zu sehen und zu hören ist irgendwie seltsam. Überall Berge, Felsen, Canyons, Natur und Ruhe. Mittendrin so eine Riesenstadt. Mit ihren hupenden Kombis und rufenden Cobradores. Ich meine, ihr „Baja a la esquina? Alguien baja? Nadie? Vamonos! Baja a la feria? Baja. Ya, Baja, Baja, Baja. Sube, Sube, Sube!” hier oben hören zu können. 

Halb 7 ist es wie immer stockdunkel. Um die Batterien der Stirnlampen für den nächtlichen Aufstieg zu schonen und unsere körpereigenen Batterien wieder aufzuladen, verkriechen wir uns in die Zelte. Halb 1 in der Nacht wird aufgestanden. Die Rucksäcke werden im Campamento gelassen. Bis auf zwei Paar Socken, Thermoleggings, Hose, drei Shirts, zwei Fleecejacken, Windbreaker, Handschuhen, Mütze, Schal, Fleecekapuze und Stirnlampe trage ich einen Liter Wasser, meine Kamera, Sonnenbrille, Kekse, Bonbons und Tabletten gegen Kopfschmerzen, Höhenkrankheit und anderes körperliches Versagen und natürlich etwas Coca in meinen Taschen. Noch ein Schluck warmen Cocatee und ein Marmeladenbrötchen und los geht’s. Ich lasse mir durch den Kopf gehen, dass noch ungefähr 1200 Höhenmeter bis zum Gipfel fehlen. Die Stunden bis zum Sonnenaufgang sind so kalt, dass einem nicht mal vom Aufstieg einigermaßen warm wird. Langsam macht die Höhe meinem Körper zu schaffen. Mir wird schlecht. Jose schiebt mir eine Tablette gegen Übelkeit zu. Sie soll sehr schnell helfen. Ich glaube ihm das und spüle sie mit warmen Cocatee herunter. Und tatsächlich, besser. Placebo oder nicht, ist mir auch egal. Viele Pausen. Ich habe sie gehasst. Wartend auf diejenigen, die größere Probleme mit der Atmung und der Höhe haben. Man hat Lust, sich zu setzen um wieder zu Luft zu kommen. Aber die Steine sind so kalt, das man das Gefühl hat, man würde festfrieren.  Und sobald man sitzt, fallen einem die Augen zu. Putamadre. Weiter. Weiter. Langsam schleichen wir den Berg hinauf. Die Sonne geht endlich auf. Ein Glück, etwas Wärme. Es ist 5 Uhr. Wir sind fast 4 Stunden unterwegs. Wie viele Höhenmeter fehlen noch? 500? Ja, dann haben wir es ja bald. Dachte ich… ungefähr fünf Minuten lang. 

Die Höhe holt mich ein. Wieder der Magen. Mir wird gesagt, dass ich endlich mal wieder was essen soll. Hier Bonbons, da Kekse. Ich kann nicht. Die Übelkeit. Keine Energie. Ein paar Schlücke Cocatee. Ich knabberte etwas an der Karotte, die ich mir in die Hosentasche gesteckt hatte. Auch kein Vergnügen. Ganz runzlig und ausgetrocknet auf dieser Höhe. Ärgerlich. Ich schmeiß sie weg und schaue ihr nach, wie sie den steinigen Berg hinunter purzelt. Wie schön es hier ist. Die Aussicht – unbeschreiblich. Obwohl es schwer ist, freue ich mich, hier zu sein. Ich schaff das. Weiter. Ein paar Meter, dann bleibe ich stehen. Atmen! Schritte. Setzen! Verdammt, bin ich müde. Mir fallen die Augen zu. Wenn mich die Anderen nicht wecken würden, würde ich hier ewig liegen bleiben. Vermutlich.
So geht es einige Zeit. 
Da! Das Gipfelkreuz! Zum Aufgeben bin ich jetzt also schon zu nah. 300 Höhenmeter fehlen aber sicherlich noch.
Die Schwersten 300 m meines Lebens. De verdad. Ich sehe die anderen etwa 100 Schritte weiter oben sitzend oder liegend warten. Ich zähle meine Zwergenschritte. 25. Pause. Atmen. 25. Pause. Atmen. 25. Pause. Schwindel. Mir dreht sich der Magen um. Kurz darauf finde ich mich auf Knien und Händen abstützend über etwas Möhre und Cocatee wieder. Besser. Ich stehe auf, schleiche langsam zu den anderen und falle neben ihnen auf den sandigen Boden. Ich hatte die Worte „Ich kann nicht. Lasst mich hier. Ich will schlafen.“ kaum auf Spanisch ausgesprochen, da wurde ich von kräftigen Händen nach oben gezogen. Claro. Tu puedes. Falta un poquito. Vamos. Llegamos! Es ist schwer für alle. Im Gänsemarsch nehmen wir die letzte Etappe. 15 Pasos. Pause. Ich zähle mit, das lenkt ab. 15. Pause. Sehr langsam kommt der Gipfel näher. Für die letzten Meter sammele ich alle meine Kräfte. 

Ich finde mich liegend auf dem Boden wieder. Auf dem höchsten Fleck Erde, was ich jemals betreten habe.

Se acabo! Aber glücklich! Es sich gelohnt... aber seht selbst!
Start! Si, se pueden!











über dem campamento



am Untergehen um 6.00 p.m.



Mittwoch, 12. Oktober 2011

... die Schule ruft!

Um 8 öffnet die Schule ihre Türen. Momentan allerdings das Tor zum Sportplatz auf dem 2 kleine Fabriken aufgestellt wurden, in denen sich der Unterricht einiger Klassen abspielt. Neben der Schule, in der zur Zeit gebaut wird. Zur Zeit... angeblich schon eine ganze Weile und der Termin verschiebt sich immermal einige Wochen nach hinten. Gerade handelt es sich dabei um den 20. Oktober. Mal schauen.

Der Unterricht beginnt für alle Klassen um 9 Uhr. Nach und nach trudeln die Schüler ein. Auch die Profes. Ich habe verschlafen. Halb 9 betrete ich das vorübergehende Schulgelände. Nach einem bewölkten Wochenende knallt die Sonne heute wieder besonders stark auf die Köpfe der dunkelhaarigen (und selten auch nicht-so-dunkelhaarigen) Menschen. Heute sind meine 3 Kolleginnen schon vor mir da. Und einige Kids sitzen an dem kleinen Tisch. Es fällt kaum auf, dass ich etwas später dran bin. Ich ziehe ein anderes Shirt an und meine superschicke Schürze und geselle mich an den kleinen Tisch zu den Kindern. Einige sind schon mit Spielsachen beschäftigt, die die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn überbrücken. Es kommen weitere Kinder an. Ich biete ihnen Puzzles, Bausteine und andere Dinge an, die ich aus Kartons mit viel Ramsch herauskrame. Besonders gefragt sind die neuen Spielsachen von Dani. Die sind noch ganz ... im Gegensatz zu den meisten anderen Dingen.

Ich helfe seit meinem ersten Tag in zwei zusammengelegten Klassen aus: der inicial (Vorschulalter) und primer grado (Normalerweise besteht jede Klasse aus 6-8 Kindern und 2 Profes, einer Pädagogin und einer Art Hilfskraft). Die Kleinsten der Schule. Die insgesamt 6 Klassen staffeln sich bis ins Alter von ungefähr 18 Jahren. In unserer Gruppe gibt es 12 Kinder. Wenn alle kommen. Letzten Monat waren noch 2 Gesichter mehr auf dem Plakat an der Wand, auf dem die Anwesenheit mehr oder weniger regelmäßig eingetragen wird. Jetzt sind sie dort nicht mehr zu sehen. Neuer Monat, neues Plakat.

Insgesamt sind wir 4 Profesoras für nicht ganz 12 Kinder. Vielleicht waren ein- bis zweimal in den letzten 5 Wochen alle Kinder da. Einige Kinder sind so gut wie immer da, andere kommen sehr unregelmäßig.

Viertel 10 beginnen wir dann endlich mit dem Unterricht. Heute können die Kinder leider nicht ihren Fingerabdruck unter ihr Foto setzen, und wir haben auch keine Zeit um zu singen und über den heutigen Tag zu sprechen (Wetter, Wochentag, Datum etc.). Ende der Woche ist "Día de personas con discapacidad". Discapacidad... obwohl ich das oft höre, zucke ich immernoch zusammen. Die Fachschaft Förderpädagogik hat mich dahingehend gebranntmarkt. Die Sprache beeinflusst unser Denken, irgendwie. Unsere Gewohnheiten allerdings auch. Denke ich genauer darüber nach, bemerke ich, wie weit es diese innovativen Gedanken und Ideen der Sonderpädagogik in Deutschland wirklich geschafft haben. Und plötzlich ist der Unterschied garnicht mehr so groß.

Es werden Plakate gemacht. Fotos. Bilder gemalt, geklebt, gestaltet und zum Ausstellen auf große Pappflächen geklebt. Viele Schilder ziert der Spruch "Todos somos únicos y especiales". Wir sind alle einzigartig und besonders.
Außerdem bereiten wir die Geschichte des Rattenfängers von Hameln vor. Es gibt also einiges zu tun.
Viele Kinder brauchen Unterstützung. Zum einen sind sie noch ziemlich jung, zum anderen aber auch durch ihre besonderen Bedürfnisse nicht zu allem in der Lage, was ein Ergebnis für viele Profesoras schön genug aussehen lässt oder schnell genug geht. Schade, denke ich mir. Die Idee ist gut, viele Ideen zur Umsetzung auch. Doch für viele Kinder geht es zu schnell. Das Ergebnis interessiert manchmal mehr als der Weg des Kindes dorthin. Ich setze mich neben Frank. Er sitzt im Rollstuhl. Den hat er noch nicht lange. Vorher war es ein Baggy. Seitdem er im Rollstuhl sitzt, ist er viel größer, sitzt aufrecht da und beobachtet seine Umwelt. Ich befestige eine kleine Tischplatte an seinem Sitz und lege ihm sein Blatt Papier zurecht. Ich rede mit ihm, bewege ihn, er lacht mir ins Gesicht. Ich mag sein Lachen. Es ist ganz groß und ehrlich. Manchmal glukst er dabei. Ich nehme mir Zeit... die Hektik um mich herum versuche ich auszublenden. Frank ist ca. 6 Jahre alt. Spricht nicht und bewegt sich nicht viel. Aber Stimulation und Bewegung findet er wahnsinnig toll. Ich gebe ihm die Wachsmalkreide in die Hand. Anstatt zu malen, bewegt er sie zum Mund und freut sich, wenn er sie wieder auf den Tisch fallen lässt. Nachdem ich ein bisschen mitgespielt habe, halte ich die Kreide in seiner Hand fest und bewege sie auf dem Blatt. Mal langsam, mal schneller. Nach oben, unten, links und rechts. Verschiedene Muster. Ich versuche dazu zu sprechen. Er lacht. Dass wir gerade einen großen Apfel ausmalen, sage ich ihm. Aber das scheint ihm nicht so wichtig zu sein.

Die anderen Kinder sind schon fertig und werden ermahnt, sich auf ihren Platz zu setzen. Nach dem langen Stillsitzen haben sie das Bedürfnis, herumzuspringen und zu toben. Des vorübergehende Klassenzimmer gibt dafür nicht viel her. Es werden Spielsachen aus den Kartons gewühlt, umhergeworfen, einige kämpfen darum oder auch nur zum Spaß. Immerwieder höre ich ein lautes "Sientate!" (Setz dich!).  Energie, die raus will. Ich schnappe mir einige Kinder und gehe mit ihnen auf die Toilette. Wir rennen auf dem Weg dorthin, hüpfen umher, machen Blödsinn. Neben den Toilettenhaus ist der Spielplatz. Die wartenden Kinder rutschen ein paarmal. Alle fertig? Listo. Wir springen zurück in die Klasse.

Um 1 Uhr am Mittag werden die ersten Kinder abgeholt. Die Eltern sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst. Claro. Viele kommen aus bescheideneren Verhältnissen. Trotzdem mit einem Lächeln im Gesicht. Ciao señorita. Hasta mañana. Bis um 2 spiele ich mit den anderen Kindern, bis sie nach und nach abgeholt werden.

Das Arbeiten in der Schule ist eine Berg- und Talfahrt für mich. Es macht Spaß mit den Kindern. Manchmal ist es schwierig, weil ich nicht alles ausdrücken kann, was ich möchte. Oft will ich den Kindern viele Dinge erklären, sie nach irgendetwas fragen und kann es nicht oder denke vielmehr, es nicht zu können. Die meisten Kinder in meiner Gruppe reden nicht oder nicht viel. Das macht vieles leichter für mich, einiges aber auch schwerer. Obwohl relativ viele Lehrkräfte da sind, beschäftige ich mich oft alleine mit den Kindern.
An die Pädagogik oder die Rolle als Lehrkraft muss ich mich gewöhnen. Die Motivation ist irgendwie eine andere, aber auch sie kann ich irgendwie, wenn ich mir Mühe gebe, nachvollziehen.

Meinen Platz habe ich irgendwie noch nicht so richtig gefunden. Aber dafür habe ich ja auch ein Jahr Zeit. Was wird von mir erwartet? Wie kann und darf ich mich einbringen? Ich hoffe, ich werde es mit der Zeit herausfinden.

Eins weiß ich. Es ist gut, dass ich hier bin. Gut für mich, um zu lernen. Über mich zu lernen, über die Kids und die Kultur. Gut für die Kinder, dass jemand da ist, der Blödsinn mit ihnen macht und sich Zeit nimmt für ihre Bedürfnisse. Und vielleicht auch für die Profes, dass jemand da ist, der nachfragt, wenn er etwas nicht versteht.

Das letzte Kind ist abgeholt. Ich stelle die Stühle nach oben und versuche ein wenig aufzuräumen. Die anderen Profes sind meistens schon weg. Eine seltsame Ruhe macht sich breit; auf dem Schulgelände und auch in mir. Der Klassenraum sieht chaotisch aus. Aber normal. Ich ziehe meine Schürze aus, packe meine Tasche, verabschiede mich von den übriggebliebenen Kindern, Jugendlichen und auch Profes der anderen Klassen und schließe das Tor hinter mir.
Feierabend.
Im Kopf jedoch nicht...

Samstag, 8. Oktober 2011

Worüber soll ich schreiben?

Noch mehr Eindrücke. Noch mehr Fotos. Noch mehr Geschichten. Noch mehr von allem.

Es wird Zeit mal wieder etwas in Worte zu fassen und Platz für Neues zu schaffen. Leider habe ich solange gewartet, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll… und, wenn ich das herausgefunden habe, nicht weiß, wo ich aufhören soll.

Es wird Zeit euch von meinem Projekt zu erzählen. Und von den Kindern. Und von meinem Wochenende in Pedregal. Und Arequipa. Von den unterschiedlichen Menschen hier. Von der Melodie des Müllautos. Den Obst- und Gemüsesorten. Den Kleinigkeiten. Und von unserem neuen Mitbewohner: Piscito.

Von meinem Alltag. Meinen Plänen. Gendanken. Und Ideen.

Vamos a ver…

Bilder aus und von Pedregal:



Hütte der Voluntarias in Pedregal




Mi Colegio:

der Spielplatz für die Kinder
Geburtstagsfiesta der kleinen Jasmin

bailamos juntos
kids meiner aula
Beschäftigung vor dem Unterricht
Jesus und José begeistert von der neuen Motorikschleife (Dank an Dani!)

vor dem Sportunterricht
mi clase

 

Arequipa y mi casa:


selbstgemachte causa... fein

por la mañana con elodie y piscito

 Arequipa vom Mirador aus:









Mittwoch, 14. September 2011

Ich betrete die Straße vor meinem Haus. Der erste Schritt in die Sonne tut gut und macht wach. Um 7 Uhr muss ich jeden Tag meine Wohnung verlassen und mich auf den Weg zur Arbeit machen. Dank der Zeitumstellung und dem Stand der Sonne kommt mir 7Uhr in Peru nicht so vor wie 7Uhr in Deutschland, zum Glück. Wer weiß, wie lange es dauert, bis man sich daran wieder gewöhnt hat und den ewigen Kampf des Aufstehens fortführt.
Es ist jetzt schon ziemlich warm in der Sonne; aber sehr gut auszuhalten. Vor mir liegen 45 Minutan Fahrt in das Projekt. Natürlich mit dem Combi. Die Straßen sind um diese Uhrzeit gut gefüllt. Viele Menschen. Viele Autos. Viel Gehupe. Viele Combis. Die Straßen Perus: eine Recyclingsstelle für alte Autos. Es riecht nach Abgasen. Und Essen. Wie immer.
Etliche Kombis fahren an mir vorüber. Der Cobrador, der an der halb geöffneten Bustür steht, ruft die wichtigsten Stationen auf die Straße.  Eine seiner wichtigsten Aufgaben neben dem Abkassieren beim Aussteigen. Baja, Baja, Baja. Die Menschen Strömen zu dem Combi und quetschen sich in den ohnehin schon gut gefüllten Bus. Sube, Sube, Sube. Mit Gehupe und Gepfeife geht es weiter. Da kommt mein Combi. Mittlerweile habe ich verstanden, dass die Farbe des Kombis je nach Strecke variiert und die Richtung auf Pappschildern in die Windschutzscheibe geklebt ist. Dunkelgrün, ein roter Streifen, darüber weiß. Ich mache eine Handbewegung, der Combi hält an und ich steige ein. Oftmals quetsche ich mich vielmehr hinein. Laute Musik. Menschen, die mitsingen und welche, die seelenruhig schlafen. Die rasante Fahrt durch Arequipa geht los. Das Stehen im Combi ist durchaus problematisch. Mit 1,73m gefühlte 10cm größer als der Durchschnitt hier. Eine rasante Kurve und ich stoße mit dem Kopf an den Haltegriff, manchmal auch so schon fast an die Decke. Wenn ich Glück habe ergattere ich nach 10 Minuten einen Sitzplatz; wenn ich noch mehr Glück habe, sogar einen, der genügend Platz für meine hier doch ungewöhnlich langen Beine hat.
Nachdem ich die ersten Tage auf der Fahrt ganz schön ins Schwitzen gekommen bin, gehöre ich mittlerweile zu den schlafenden Fahrgästen. Haltestellen? Gibt es. Aber die sind egal. Aussteigen und Einsteigen passiert dort, wo man möchte. Nach ungefähr 40 Minuten Fahrt erhebe ich mich von meinem Sitz, sammel mein Kleingeld zusammen, gehe zum Cobrador, der immernoch waghalsig aus der Tür hängt. Er fragt mich ob und wo ich aussteigen will. An der Ecke, beitte. Der Combi biegt ab, der Cobrador springt, während der Bus weiterfährt, hinaus und ruft wieder einmal. Baja, Baja. Ich steige aus, Menschen strömen mir entgegen. Es ist kurz vor 8. Die restlichen Minuten laufe ich zur Arbeit.
Überall Staub. Heute fallen mir besonders meine dreckigen Füße auf. Normalität. Es ist sehr trocken in Arequipa; das Umland so gut wie Wüste. Kein Wunder. Seit 2 Tagen gibt es bei uns kein warmes Wasser. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht morgen wieder.
Ich laufe an ungefähr 10 Tiendas vorbei - Tienda: eine Art Kiosk, in der man alles kaufen kann. Teilweise auf Rädern auf der Straße. Viele Menschen nicken mir freundlich zu, einige pfeiffen, wenige rufen. Eine Gringa. Trotzdem ich mich gegen das rot-blond entschieden habe, sieht man mir meine Herkunft ziemlich gut an. Na Klar! Dennoch ein komisches Gefühl. An der letzten Tienda vor der Schule mache ich halt. Buenos dias, señorita. Der freundliche Besitzer begrüßt mich. Ich kaufe mein Wasser (Ich habe in den letzten 2 Wochen mehr Plastikflaschen gekauft als in den letzten 2 Jahren). Der Tag wird kommen, an dem ich mich an das arequipenische Leitungswasser herantraue. Der Mann gibt mir noch ein paar Worte mit auf den Weg. Chau! Hasta luego!
Obwohl mein Spanisch zu wünschen übrig lässt, habe ich nach 2 Wochen natürlich sämtliche Kurzformen drauf. Die Schule ruft!

Eine Stunde meines Tages für Euch... und ein paar Bilder der letzten Tage.
Hasta!

Sonntags in Arequipa: Leere Straßen, die Combis fahren.

An der Puente Grau.
Silencio por favor.
Am Morgen: der Blick aus meinem Fenster.
und weil der so schön ist, nocheinmal :)