Ich liege auf dem höchsten Fleck Erde, was ich jemals
betreten habe. Das Atmen fällt schwer. Mein Kopf schmerzt. Ich bin müde. Obwohl
ich dagegen kämpfe, fallen mir die Augen zu und ich falle in einen kurzen, aber
sehr tiefen Schlaf. Stimmen um mich herum rufen. Theresa. Theresita.
Levanatate. Mira, que bonito. (Steh auf. Schau, wie schön.) Ich öffne die Augen
und sehe das Gipfelkreuz. Ich schließe sie und öffen sie wieder. Wirklich, das
Gipfelkreuz. Ich fass es nicht, ich hab‘s geschafft. Und wieder: Levantate
Theresita! Verdammt, ich würde ja gerne.
Jose sagt mir, dass ich aufstehen soll und dass es mir
gleich wieder besser geht, sobald wir absteigen. Aufstehen? Die Aussicht
genießen? Fotos machen? Und danach absteigen? Ob ich das schaffe?
Ich kann mich nicht erinnern, wie lang ich auf dem Gipfel lag,
bevor ich aufstehen konnte. Vielleicht zwei Minuten, vielleicht 20… Ich setze
mich auf. Nachdem ich den Schwindel überwunden habe, sehe ich, was alle anderen
schon fleißig fotografieren. Arequipa – so klein. Die Berggipfel der Anden –
fast auf gleicher Höhe. Und den riesigen Vulkankrater des Mistis. In der Tat
wunderschön. Ich krame die Kamera aus meiner Jackentasche, stehe langsam auf.
Wow. 5822 Höhenmeter. Ich muss Lachen. Und selbst das ist gar nicht so leicht
auf dieser Höhe…
Nach 4 Stunden Schlaf bin ich am Vortag um 5.00 a.m.
aufgestanden um mit einer Gruppe aus insgesamt acht Personen den Vulkan zu
besteigen, der über Arequipa thront. Seit einer Woche denke ich jedes Mal, wenn
ich den Blick gen Himmel richte: Am Wochenende stehst du da oben! (Dass ich im
Endeffekt vielmehr „da oben“ lag als stand, soll an dieser Stelle
vernachlässigt werden.) Zumindest hoffte ich das, nachdem ich von sämtlichen
Leuten Geschichten gehört habe vom Aufgeben, Verlorengehen, schlimmsten
Auswirkungen der Höhenkrankheit, Unfällen und Ähnlichem.
Um 7 Uhr starteten wir mir gepackten Rucksäcken auf einer
Höhe von etwas mehr als 3000m die erste Etappe. Mit vielen Keksen und
Süßigkeiten und natürlich Coca in den Taschen. Der Aufstieg glich Anfangs einer
angenehmen Wanderung durch eine steinige Landschaft mit Steppengras, niedrigen,
blühenden Büschen und einigen seltsamen größeren Insekten. Das Campamento, was
wir gegen Mittag erreichen wollten, liegt auf einer Höhe von 4600m. Nach und
nach verabschiedeten wir uns von den wenigen grünen Pflanzen, wanderten über
sandigen bis steinigen Boden und kletterten über steile felsige Abschnitte. Trotz
gutem Schuhwerks macht einem der weniger
feste Untergrund zu schaffen. Drei Schritte aufwärts, zwei Schritte abwärts
rutschend. Mit der Zeit spürt man die Höhe immer mehr. Schwere Atmung. Kopfschmerzen.
Langsame Bewegungen. Müdigkeit. Es wird kälter. Aber die Sonne brennt umso
mehr.
Wie geplant erreichen wir kurz nach Mittag das Campamento,
schlagen die Zelte auf. Es gibt Pasta. Dick eingepackt schlafen wir im warmen
Vulkansand in der Sonne ein. Der kalte Wind pfeift uns um die Ohren und treibt
uns zum Schlafen in die Zelte. Gegen Nachmittag kommen mehr Menschen an, die
ihr Glück versuchen wollen, den Gipfel zu erreichen. Als ich halb 5 p.m., halbwegs
ausgeruht von der ersten Etappe und etwas mehr an die Höhe gewöhnt, aus dem
Zelt krieche, hat sich die Luft um einiges abgekühlt. Die Sonne nähert sich dem
Untergang. Ich schaue den Berg hinab und staune über die Vielzahl von Zelten. Jose
erzählt mir, dass manchmal bis zu 120 Menschen gleichzeitig die aus gestapelten
Rocas gebauten, windgeschützten Schlafplätze aufsuchen. Krass. Jetzt sind es
schon viele, finde ich. 30 vielleicht. Zum Sonnenuntergang gibt es Gemüsesuppe.
Passend zur Kälte. In der Nacht sollen sich die Temperaturen auf dieser Höhe
dem Nullpunkt nähern. Ich habe jetzt schon alles an, was ich dabei habe. Vamos
a ver.
Sonnenuntergang. Traumhaft. Klar. Die Lichter und Geräusche der
fernen arequipenischen Samstagsnacht zu sehen und zu hören ist irgendwie
seltsam. Überall Berge, Felsen, Canyons, Natur und Ruhe. Mittendrin so eine
Riesenstadt. Mit ihren hupenden Kombis und rufenden Cobradores. Ich meine, ihr „Baja
a la esquina? Alguien baja? Nadie? Vamonos! Baja a la feria? Baja. Ya, Baja, Baja, Baja. Sube, Sube,
Sube!” hier oben hören zu können.
Halb 7 ist es wie immer stockdunkel. Um die Batterien der
Stirnlampen für den nächtlichen Aufstieg zu schonen und unsere körpereigenen
Batterien wieder aufzuladen, verkriechen wir uns in die Zelte. Halb 1 in der
Nacht wird aufgestanden. Die Rucksäcke werden im Campamento gelassen. Bis auf
zwei Paar Socken, Thermoleggings, Hose, drei Shirts, zwei Fleecejacken,
Windbreaker, Handschuhen, Mütze, Schal, Fleecekapuze und Stirnlampe trage ich
einen Liter Wasser, meine Kamera, Sonnenbrille, Kekse, Bonbons und Tabletten
gegen Kopfschmerzen, Höhenkrankheit und anderes körperliches Versagen und
natürlich etwas Coca in meinen Taschen. Noch ein Schluck warmen Cocatee und ein
Marmeladenbrötchen und los geht’s. Ich lasse mir durch den Kopf gehen, dass
noch ungefähr 1200 Höhenmeter bis zum Gipfel fehlen. Die Stunden bis zum
Sonnenaufgang sind so kalt, dass einem nicht mal vom Aufstieg einigermaßen warm
wird. Langsam macht die Höhe meinem Körper zu schaffen. Mir wird schlecht. Jose
schiebt mir eine Tablette gegen Übelkeit zu. Sie soll sehr schnell helfen. Ich
glaube ihm das und spüle sie mit warmen Cocatee herunter. Und tatsächlich,
besser. Placebo oder nicht, ist mir auch egal. Viele Pausen. Ich habe sie
gehasst. Wartend auf diejenigen, die größere Probleme mit der Atmung und der
Höhe haben. Man hat Lust, sich zu setzen um wieder zu Luft zu kommen. Aber die
Steine sind so kalt, das man das Gefühl hat, man würde festfrieren. Und sobald man sitzt, fallen einem die Augen
zu. Putamadre. Weiter. Weiter. Langsam schleichen wir den Berg hinauf. Die
Sonne geht endlich auf. Ein Glück, etwas Wärme. Es ist 5 Uhr. Wir sind fast 4
Stunden unterwegs. Wie viele Höhenmeter fehlen noch? 500? Ja, dann haben wir es
ja bald. Dachte ich… ungefähr fünf Minuten lang.
Die Höhe holt mich ein. Wieder der Magen. Mir wird gesagt,
dass ich endlich mal wieder was essen soll. Hier Bonbons, da Kekse. Ich kann
nicht. Die Übelkeit. Keine Energie. Ein paar Schlücke Cocatee. Ich knabberte
etwas an der Karotte, die ich mir in die Hosentasche gesteckt hatte. Auch kein
Vergnügen. Ganz runzlig und ausgetrocknet auf dieser Höhe. Ärgerlich. Ich
schmeiß sie weg und schaue ihr nach, wie sie den steinigen Berg hinunter purzelt.
Wie schön es hier ist. Die Aussicht – unbeschreiblich. Obwohl es schwer ist,
freue ich mich, hier zu sein. Ich schaff das. Weiter. Ein paar Meter, dann
bleibe ich stehen. Atmen! Schritte. Setzen! Verdammt, bin ich müde. Mir fallen
die Augen zu. Wenn mich die Anderen nicht wecken würden, würde ich hier ewig
liegen bleiben. Vermutlich.
So geht es einige Zeit.
Da! Das Gipfelkreuz! Zum Aufgeben
bin ich jetzt also schon zu nah. 300 Höhenmeter fehlen aber sicherlich noch.
Die Schwersten 300 m meines Lebens. De verdad. Ich sehe die
anderen etwa 100 Schritte weiter oben sitzend oder liegend warten. Ich zähle
meine Zwergenschritte. 25. Pause. Atmen. 25. Pause. Atmen. 25. Pause.
Schwindel. Mir dreht sich der Magen um. Kurz darauf finde ich mich auf Knien
und Händen abstützend über etwas Möhre und Cocatee wieder. Besser. Ich stehe
auf, schleiche langsam zu den anderen und falle neben ihnen auf den sandigen
Boden. Ich hatte die Worte „Ich kann nicht. Lasst mich hier. Ich will schlafen.“
kaum auf Spanisch ausgesprochen, da wurde ich von kräftigen Händen nach oben
gezogen. Claro. Tu puedes. Falta un poquito. Vamos. Llegamos! Es ist schwer für alle.
Im Gänsemarsch nehmen wir die letzte Etappe. 15 Pasos. Pause. Ich zähle mit,
das lenkt ab. 15. Pause. Sehr langsam kommt der Gipfel näher. Für die letzten
Meter sammele ich alle meine Kräfte.
Ich finde mich liegend auf dem Boden wieder. Auf dem
höchsten Fleck Erde, was ich jemals betreten habe.
Se acabo! Aber glücklich! Es sich gelohnt... aber seht selbst!
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| Start! Si, se pueden! |
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| über dem campamento |
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| am Untergehen um 6.00 p.m. |