Samstag, 25. Februar 2012

nach 5570 km... (1)

Aber dass du mir ja nicht heulst, ruft mir Kathrin zu, bevor sie die Tür des Taxis hinter sich schließt. Ich lächle zurück, aber es fällt schon ein bisschen schwer.

Und was jetzt? Frage ich mich und stapfe durch den Regen zurück nach Hause. Arequipa hat sich irgendwie verändert als ich weg war. Der Regen. Wann hat es mal so viel geregnet in Arequipa? Gut die Hälfte der Straßen und Brücken seien kaputt, sagen die Leute. Deswegen ist wohl auch das Taxi so teuer geworden. Ich springe über die Bäche, die vorher mal Straßen waren, umgehe die Baustellen oder solche, die es mal werden sollen, um die Riesenlöcher in der Straße zu flicken, balanciere über Bretter, die das knöchel- manchmal auch fast knietiefe Wasser überbrücken sollen - gerechnet in peruanischen Körpergrößen. An anderen Stellen wurden Berge von Sand auf die Straße geschippt, je nachdem, wo sie gerade gebraucht werden. Der Weg nach Hause gleicht einem Jump'n'Run Game. An manchen Stellen haben sich Seen gebildet. Sackgasse. Dann eben wieder zurück. Die Stadt riecht nach Abwasser, was durch die Massen an Regen aus der Kanalisation nach oben gedrückt wird. Eine schlechtriechende Welle spritzt mir bis ins Gesicht und überflutet auch den Rest von mir. Ich unterdrücke das Fluchen und stelle mir vor, wieviel Sapß und Freude die Insassen des vorbeibretternden Taxis an der Sache hatten.

Nervös tripple ich auf dem Flughafen in Lima von einem Bein auf das andere. Dass Kathrin in den nächsten Minuten aus der Tür da kommen soll, kann ich mir noch garnicht richtig vorstellen.  Jetzt ist es endlich soweit. Ferien. Reisen. Die Vielseitigkeit des Landes entdecken, indem ich schon fünf Monate lebe. Ich freue mich darüber, diese Zeit mit Kathrin teilen zu können. Und bin gespannt.

Bäuchlings liege ich auf dem 160° Semi-Cama-Sitz des Doppelstockbusses, schaue aus dem hinteren Fenster und raste, nach Kathrins Beschreibungen, völlig aus. Die grünen Berge bis auf eine Höhe von über 4000 msnm, ganz im Kontrast zu der wüstenartigen Berglandschaft im Süden Perús, die nur durch die saftig-grünen Flussoasen aufgelockert wird. Die Lagunen, wie sie so unberührt in ihrem leuchtenden türkis daliegen, Vögel aller Art über sie hinwegfliegen, flamingoähniche Wesen im Wasser chillen und die Sonnenstrahlen genießen, die immerwieder durch die Wolken blitzen. Die Mienenbahnen, die in den felsigen Wänden verschwinden und 200m weiter oben wieder auftauchen und sich über unseren Köpfen an der Wand entlangschlängeln. Die Tunnel, die nur die Steinbeißer in Berge gefressen haben können. Die Felsen und Wasserfälle. Und die schwarz-weißen Bergspitzen zwischen den Wolken. Nach 7 Stunden Busfahrt, die Anden hinauf, über einen Pass auf 4818 msnm landen wir am Lago Junín - zweitgrößter See Perús, nach dem Lago Titicaca auf einer Hochebene von ungefähr 4500msnm gelegen. Was macht ihr denn hier, fragen uns die Menschen in dem kleinen Städtchen Junín, und halten uns wahrscheinlich für vollkommen daneben. Was kann man hier schon sehen? Hier gibt es nichts! Na klar, wir wollen an den Lago, das Leben in den Anden kennenlernen und die Menschen, die dort leben. Die braungebrannten und von dem Bergklima gezeichneten Gesichter grinsen uns an. Wie oft verlaufen sich zwei Rubias bis dorthin? Und dann noch in der Regenzeit Perús? Wer soll denn das verstehen?!


Dorm in Ondores

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Kathrin wühlt sich aus dem Bett des kühlen Dormitorios. Es dauert so seine Zeit bis man 6 Wolldecken und den Schlafsack beiseite geworfen hat. Wie die fünf Mal davor, schafft sie es dennoch wieder rechtzeitig zur Tüte, die wir weiter vorn im Raum platziert haben. Jeden scheint die Höhenkrankheit anders zu treffen. Es ist nicht zu fassen, sage ich zu ihr im Halbschlaf, du übergibst dich noch und ich schlaf schon wieder. In diesem Moment haben wir weniger daran geglaubt, am nächsten Tag zum Kreuz hochsteigen zu können um eine Wahnsinnsaussicht über den Lago zu genießen. Es aber dennoch geschafft... und unsere Gesichter dabei von der Bergsonne in der Mittagssiesta für eine Woche kennzeichnen lassen. Check!


Ondores - das Andendorf


Lago Junín




Wir hören die Señora durch den Patio rennend rufen: La lluvia, lluvia! Dann ein Rumpeln und gefühlte zehn Sekunden später stürzen Bäche vom Himmel und prasseln auf die Lamina des Daches nieder. Klingt nach Hagel... und irgendwie nach Lateinamerika, Kathrin lächelt mich an. Unsere Gesicher spannen immernoch, glühen, aber nehmen dennoch keine Creme mehr auf. Es ist dunkel und ich schaue das letzte Mal vor dem Schlafengehen in den Patio, nach dem Regen. Das Wasser steht im Innenhof, die Hühner und Meerschweinchen verkriechen sich in die Ecken ihrer Käfige und quieken vor sich hin. In einem Zimmer nebenan wird Feuer gemacht. Das an Haken hängende Fleisch der Tiere wirft flackernde Schatten. Ein Zimmer weiter werden die Kinder gerade zu Bett gebracht. Ich werfe einen kurzen Blick hinein. Sieht kuschelig aus, trotz den unbeschreiblich vielen Dingen, die im Zimmer verteilt sind. Wir kuscheln uns genauso zusammen, hören den knärzenden Dielen und dem Prasseln des Regens zu, bis uns die Träume einholen.

La Union

Casa de Momo


unser wackelndes Bettchen

täglich Abendbrot... und Frühstück... und Mittag.

5570 km durch Peru... aber in Häppchen. Auf Kilometer 2064 von 5570... .