Ich steige die
Treppe zum Flugzeugeingang hinauf. Sehe die offene Tür und den freundlich
schauenden Flugbegleiter, der mir schon ein gutgelauntes „Buenos días señorita“ entgegen schmettern möchte - während ich ihm
noch einmal den Rücken zukehre.
Ein letzter
Blick auf die atemberaubende Landschaft und Arequipa. Mal wieder die
schneebedeckten Vulkangipfel des Mistis, Chachanis und Picchupicchus, die mich
jeden Tag mit ihrer energiegeladenen Ausstrahlung durch den Tag begleiteten.
Auch wenn den immer strahlend blau leuchtenden Himmel heute Wolken bedecken,
bringe ich es nicht über das Herz den schwierigsten Schritt zu gehen.
Einsteigen.
Ich stehe so da
und schaue und genieße. Dicke schmerzgetränkte Tränen rollen mir aus den
bereits rotgeweinten und geschwollenen Augen über die Wangen. Ein unbeschreiblich
flaues Gefühl breitet sich in der Magengegend aus und auch darüber hinaus. Die
Gedanken drehen sich in meinem Kopf und verursachen einen üblen Schwindel.
Jetzt ist es soweit. Du verlässt die Stadt.
Arequipa, deine Schule, deine Freunde, deine Berge, deine Felsen - dein Leben
hier. Und so wie du es jetzt noch in dir
trägst, wirst du es – selbst, wenn du dir noch so sicher bist, zurückzukehren -
nicht wieder vorfinden können. Nicht genau so. Nicht mit dem Kleinbus Elodies,
der dich an den Flughafen bringt und mit den Freunden aus aller Welt, die dich
sogar bis hierhin begleiten; bis zum letzten gemeinsamen Augenblick. Es ist
nicht fair. Warum entscheide nicht ich, wann ich bereit bin zum Zurückkehren?
Warum gibt es Institutionen in Deutschland, die eine doch so wichtige und
schwerwiegende persönliche Entscheidung für mich treffen – Ohne überhaupt zu
wissen oder verstehen zu können, was sie da tun. Ohne überhaupt nachzufragen.
Und obwohl ich mir die letzte Zeit so gut eingeredet habe, dass diese Rückkehr
Teil meines Jahres in Peru ist und ich es damit erst komplett mache, erkenne
ich den Haken an der ganzen Sache. Es fühlt sich nicht richtig an.
Ich bin die Letzte.
Ein Dutzend Flughafenpersonal und Fluggesellschaftsmitarbeiter kamen mir
bereits am Gate entgegen. Beeilung. Hierentlang. Hier dies und hier das. Was? Nein. Das ist nicht richtig, das bin
nicht ich, die gerade halbautomatisch zum Flugzeug gegangen wird. Mit dem Gefühl
im Inneren einen großen Fehler begangen zu haben. Scheiße. Ich habe unbewusst schon alles gegeben, aber irgendwie hat
es dann doch noch gereicht, um den Flieger nicht zu verpassen. Ich laufe über
den Flugplatz zur Treppe. Nein. Das ist
noch nicht vorbei. Lauf, Resa. Jetzt. Du musst einfach loslaufen und dann bist
du frei. Wer sagt denn, dass du jetzt mitfliegen musst. Bleib stehen. Geh da
nicht hin. Corre nomas. Mit mir selbst ringend schleppe mich so dahin und
lande auf der obersten Treppenstufe trotzdem ich einige Male stehengeblieben
bin, mich umgedreht habe. In der Hoffnung eine_n meiner Freund_innen zu sehen, mir
zurufend. Reeesaaaa. Wach auf. Bleib
hier. Das ist doch alles gar nicht real. Aber da war niemand mehr. In weiser
Voraussicht … vielleicht.
Der
Flugbegleiter bittet mich sehr höflich und einfühlend, nun auch endlich einzusteigen.
Und obwohl er sicherlich ein toller Typ ist, kann ich ihn nicht so richtig
leiden. Der hat doch keine Ahnung,
denke ich schluchzend. Meiner Boardingkarte zum ersten Mal Beachtung schenkend
suche ich mir meinen Sitzplatz; die mitleidig wirkenden Blicke der „bereiten“, schon
angeschnallt wartenden Fluggäste aushaltend. Ich merke erst jetzt selbst, dass
ich nicht mit dem bitterlichen Weinen aufhören kann.
Schmerz. Trauer.
Bedauern. Vermissen. Selbstmitleid. Viel zu viel und ich zerfließe darin. Aber
ich lass es zu. Denn es gehört dazu.