Samstag, 26. Mai 2012


Die Geschichten in meinem Kopf werden immer mehr. Die Blogeinträge immer weniger. Die Zeit rauscht nur so an mir vorbei. Mir kommt es so vor, als hätte ich gestern noch gesagt, dass mir noch ein halbes Jahr bleibt. Und Zack. Da sind es morgen plötzlich nur noch 3 Monate. 

Es ist Freitagabend. Mal wieder. Ich krame in meinem Gedächtnis. Sortiere das letzte Vierteljahr. Suche nach Worten in einer Sprache, die ich nur noch bei Gelegenheit sprechen kann. Denn gerne möchte ich an dem teilhaben lassen, was mich an diesem Land so fasziniert. 


Und los!

Sanft schaukeln wir über den sandigen, durch den Küstenwind wellig gekämmten Weg. Wir lehnen an dem aufs Dach gebundenen Wassertank, zugedeckt und schauen in den Nachthimmel. Das Meer rauscht im Hintergrund, doch in der Dunkelheit können wir nur die schäumende Gischt 100 Meter von uns entfernt erahnen. Aus den geöffneten Fenstern unter uns erklingt Musik. Ansonsten ist alles still. Wir suchen bekannte Sternenbilder, doch auf der anderen Seite des Äquators scheint das gar nicht so einfach. Hier leuchten vielmehr Venus, Cruz del Sur und Millionen andere Sterne. Ich glaube, niemals zuvor konnte ich so viele strahlend leuchtende Himmelslichter betrachten. Die Milchstraße ist einfach der Wahnsinn, zieht ihre Kreise und man sieht genau die Form dieser überaus prachtvollen Galaxie. Und wie immer, wenn man eine ganze Zeitlang in den Himmel blickt, überkommt einen dieses wohlbekannte Gefühl. Die Mächtigkeit des Weltalls, der Erde, Lateinamerikas und Perus. Und wir bewegen uns wie kleine lächerliche Punkte in diesem Riesenland. Vor uns ein Wochenende am Strand. In einer kleinen Bucht zwischen Camaná und Quilca. Bis auf eine kleine, mit Palmenwedeln gedeckte Hütte, in der ein älteres Ehepaar lebt und bei Bedarf Mahlzeiten und Bier anbietet, trifft man hier nicht viel an. Doch: Ruhe. Und noch einigen Wochen Arequipa ist das auch mal ganz gut.




















Alpaka, Llama, Vicuña und wie sie alle heißen, die vielfältigen Lamaarten, die auf den Hochebenen und in der Nähe der Lagunen der Anden grasen. Dass die einigen Verkehrsschilder, die es hier gibt, tatsächlich die verschiedenen Gattungen der Lamas berücksichtigen, wundert mich nicht mehr. Zum Glück hat man so gut wie immer peruanische Freunde dabei, die einem dann Schilder, wie beispielsweise „Lasst keine Steine auf der Straße“ erklären. Das ist allerdings eine andere Geschichte.

Heute Morgen haben wir uns mit dem „Dragon“, den schneidigen Bus Elodies, auf den Weg gemacht. Dank der freien Tage um den ersten Mai können wir unsere Reise in die Selva (den Urwald) Perus starten. Und mal wieder zeigt einem dieses Land all das (würde ich gerne sagen, und obwohl es sich auch sehr gut anhört, ist es nur ein Teil von alledem), was es zu bieten hat. Andine Hochebenen, Lagunen, schneebedeckte Berggipfel, kleine Dörfer, bunt und dick eingepackte Menschen die Tierherden aller Art durch die Sierra treiben, und die vielen Dinge, die eine Reise, auch wenn sie noch so lang ist, nicht langweilig werden lassen. Am Abend erreichen wir den Pass. 4873 msnm. Wir kauen schon seit Stunden fleißig Cocablätter. Und es hilft. Gegen die Kälte leider nicht, aber dafür gibt es ja  Alpakas. Eingepackt in gut wärmende, kuschlige Wollpullis, -stulpen, -mützen, -handschuhen und anderen Dingen lässt es sich doch sehr gut aushalten.
















Auf der anderen Seite der Anden begrüßt uns bereits in der Nacht eine völlig andere Vegetationszone. Und obwohl wir es in der Dunkelheit gar nicht richtig sehen können, können wir es doch spüren. Feuchtigkeit und Wärme. Selva, wir kommen.


Nach einer Nacht zu viert im Combi, können wir es kaum erwarten, die Landschaft endlich bei Tageslicht zu sehen. Ich wühle mich aus dem Schlafsack, öffne die Tür und staune. Die steile Bergwand, die vor uns in den Himmel ragt, hat ein saftig-sattes Grün, wie ich es kaum gesehen habe. Wasserfälle schlängeln sich durch Felsspalten, springen über spitzkantige Steine und tränken die Berge mit Leben. 

Während wir  mit dem Combi auf eine Höhe von 4300 msnm fahren rasten wir alle völlig aus. Es gibt ja so einiges hier, was man nur schwer in Worte fassen kann, aber die Selva Alta ist an diesem Tag zu meiner Lieblingslandschaft geworden. Kike schaut mich an, legt seine Hand auf die Brust, an die Stelle, wo sich sein Herz befindet und sagt „Perú, te amo!“. Ich lächle und verstehe es vollkommen. Ich glaube, ich auch irgendwie.

Wir halten an, holen die Fahrräder vom Dach, präparieren uns für die Abfahrt in die Selva. An die 60km. Und um die 3500 Höhenmeter Unterschied. Eine übertrieben fetzige Sache. Auf dem Fahrrad der Landschaft beim Verändern zusehen. Alle hundert Meter wird es heißer, es tauchen riesengroße Bananenstauden auf, die Dörfer werden zu kleinen Ansammlungen von einfachen Holzhütten, man kann jetzt auch die Tiere der Selva hören: Vögel, Affen und so einiges mehr. Das Glücksgefühl tanzt in mir. Schwitzend kommen wir an. Und schmeißen uns mit Genuss in den Bach, dessen Wasser frisch und kühl aus den Felsen entspringt. Die Dunkelheit bricht ein. Halb 6 pm. Uns fehlen uns nurnoch ein paar Stunden bis nach Puerto Maldonado, die Stadt in der Selva.












Zwei Tage unterwegs. Unvorstellbar für unsere gewohnten, durchaus winzigen Entfernungen, innerhalb Deutschlands. Aber gerade auch dadurch versteht man erst, wie enorm und vielseitig dieses spektakuläre Land ist. 

Perú, me gustas tú!

Donnerstag, 17. Mai 2012

Que miedo...!?

Während ich so hin und her überlege, ob es  wieder nur ein Traum ist oder diesmal ernsthafte Wirklichkeit, spüre ich bereits, wie die Angst durch meinen Körper kriecht. 

Das letzte Mal hatte ich davon geträumt. Alles wackelte, rumpelte. Ich rannte aus meinem Zimmer, schlaftrunken, um Elo und Kike, die vermutlich noch schliefen, Bescheid zu geben. Scheiße, alles bewegt sich, schnell raus hier. Aus ihren verwunderten Blicken wurde ich nicht schlau. Was los? Verdammt, spürt ihr das nicht? Nach sanften Aufforderungen, wieder ruhig ins Bett zu gehen, realisierte letztendlich auch ich, dass ich nur geträumt hatte. Aber somit war auch klar, welche Ängste mich in meinem Leben in den Anden begleiten. Erdbeben. Zum Beispiel.

Ich setze mich langsam auf. Mein erster Gedanke: Raus hier! Neben der Tatsache, dass alles wackelt, wird das Erdbeben von einem Lärm begleitet, der unglaublich beeindruckend ist: Die Fenster, Türen, Schränke klappern, klirren, knärzen. Und man kann die Geräusche der sich bewegenden Erde hören, ein dumpfes Geräusch, was von weitem erklingt, im Takt der Bewegungen. Ein Hämmern, Rumpeln, Grollen. Ich stehe auf, um mir Hosen anzuziehen und das Haus zu verlassen. Dritter Stock. Ob das so eine so gute Idee ist, kann ich in diesem Moment auch nicht so richtig einschätzen. Der Stand ist so unsicher, dass ich mich wieder auf mein Bett setze, die Hände um die Bettkannte geklammert, die Füße gegen die Erde gestemmt und mir mutmachend zurede: ya va a pasar, ya va a pasar, ya va a pasar (es hört gleich auf, es höt gleich auf, es hört gleich auf). Nach weiteren 20 Sekunden kann ich in der Tat spüren, wie sich alles langsam beruhigt. Die Lautstärke lässt nach, das Wackeln wird sanfter, das Herzrasen auch. 5 Uhr. En punto. Allein. Der Schreck kommt erst danach. Wenn man realisiert, was das eigentlich gerade war. Zum Glück klopft kurz danach Angy (mi mama peruana) an meine Tür und nimmt mich in den Arm. Alles gut. Während ich so den Halt spürte, den ich vorher komplett verloren hatte, rollten mir einzelne Tränen die Wange herunter. Angst, Ehrfurcht, Respekt, Schreck. Oder alles zusammen.
Gut, dass es dieses kleine Beben gab, sagte sie. Mit jedem kleinen Beben scheint die Wahrscheinlichkeit eines Großen zu sinken, hoffen die Menschen, und ich auch. Klein war es für mich in jedem Fall nicht. Aber es ist ja nichts gravierendes passiert. Außer, dass ich mein erstes Erdbeben gespürt habe. Und dafür muss es schon Stärke 6 auf der Richterskala haben...