Die Geschichten in meinem Kopf
werden immer mehr. Die Blogeinträge immer weniger. Die Zeit rauscht nur so an
mir vorbei. Mir kommt es so vor, als hätte ich gestern noch gesagt, dass mir
noch ein halbes Jahr bleibt. Und Zack. Da sind es morgen plötzlich nur noch 3
Monate.
Es ist Freitagabend. Mal wieder.
Ich krame in meinem Gedächtnis. Sortiere das letzte Vierteljahr. Suche nach
Worten in einer Sprache, die ich nur noch bei Gelegenheit sprechen kann. Denn
gerne möchte ich an dem teilhaben lassen, was mich an diesem Land so
fasziniert.
Und los!
Sanft schaukeln wir über den
sandigen, durch den Küstenwind wellig gekämmten Weg. Wir lehnen an dem aufs
Dach gebundenen Wassertank, zugedeckt und schauen in den Nachthimmel. Das Meer
rauscht im Hintergrund, doch in der Dunkelheit können wir nur die schäumende
Gischt 100 Meter von uns entfernt erahnen. Aus den geöffneten Fenstern unter
uns erklingt Musik. Ansonsten ist alles still. Wir suchen bekannte
Sternenbilder, doch auf der anderen Seite des Äquators scheint das gar nicht so
einfach. Hier leuchten vielmehr Venus, Cruz del Sur und Millionen andere
Sterne. Ich glaube, niemals zuvor konnte ich so viele strahlend leuchtende Himmelslichter
betrachten. Die Milchstraße ist einfach der Wahnsinn, zieht ihre Kreise und man
sieht genau die Form dieser überaus prachtvollen Galaxie. Und wie immer, wenn
man eine ganze Zeitlang in den Himmel blickt, überkommt einen dieses
wohlbekannte Gefühl. Die Mächtigkeit des Weltalls, der Erde, Lateinamerikas und
Perus. Und wir bewegen uns wie kleine lächerliche Punkte in diesem Riesenland.
Vor uns ein Wochenende am Strand. In einer kleinen Bucht zwischen Camaná und
Quilca. Bis auf eine kleine, mit Palmenwedeln gedeckte Hütte, in der ein
älteres Ehepaar lebt und bei Bedarf Mahlzeiten und Bier anbietet, trifft man
hier nicht viel an. Doch: Ruhe. Und noch einigen Wochen Arequipa ist das auch
mal ganz gut.
Alpaka, Llama, Vicuña und wie sie
alle heißen, die vielfältigen Lamaarten, die auf den Hochebenen und in der Nähe
der Lagunen der Anden grasen. Dass die einigen Verkehrsschilder, die es hier
gibt, tatsächlich die verschiedenen Gattungen der Lamas berücksichtigen,
wundert mich nicht mehr. Zum Glück hat man so gut wie immer peruanische Freunde
dabei, die einem dann Schilder, wie beispielsweise „Lasst keine Steine auf der
Straße“ erklären. Das ist allerdings eine andere Geschichte.
Heute Morgen haben wir uns mit
dem „Dragon“, den schneidigen Bus Elodies, auf den Weg gemacht. Dank der freien
Tage um den ersten Mai können wir unsere Reise in die Selva (den Urwald) Perus
starten. Und mal wieder zeigt einem dieses Land all das (würde ich gerne sagen,
und obwohl es sich auch sehr gut anhört, ist es nur ein Teil von alledem), was
es zu bieten hat. Andine Hochebenen, Lagunen, schneebedeckte Berggipfel, kleine
Dörfer, bunt und dick eingepackte Menschen die Tierherden aller Art durch die
Sierra treiben, und die vielen Dinge, die eine Reise, auch wenn sie noch so
lang ist, nicht langweilig werden lassen. Am Abend erreichen wir den Pass. 4873
msnm. Wir kauen schon seit Stunden fleißig Cocablätter. Und es hilft. Gegen die
Kälte leider nicht, aber dafür gibt es ja
Alpakas. Eingepackt in gut wärmende, kuschlige Wollpullis, -stulpen,
-mützen, -handschuhen und anderen Dingen lässt es sich doch sehr gut aushalten.
Auf der anderen Seite der Anden
begrüßt uns bereits in der Nacht eine völlig andere Vegetationszone. Und obwohl
wir es in der Dunkelheit gar nicht richtig sehen können, können wir es doch
spüren. Feuchtigkeit und Wärme. Selva, wir kommen.
Nach einer Nacht zu viert im
Combi, können wir es kaum erwarten, die Landschaft endlich bei Tageslicht zu
sehen. Ich wühle mich aus dem Schlafsack, öffne die Tür und staune. Die steile
Bergwand, die vor uns in den Himmel ragt, hat ein saftig-sattes Grün, wie ich
es kaum gesehen habe. Wasserfälle schlängeln sich durch Felsspalten, springen
über spitzkantige Steine und tränken die Berge mit Leben.
Während wir mit dem Combi auf eine Höhe von 4300 msnm
fahren rasten wir alle völlig aus. Es gibt ja so einiges hier, was man nur
schwer in Worte fassen kann, aber die Selva Alta ist an diesem Tag zu meiner
Lieblingslandschaft geworden. Kike schaut mich an, legt seine Hand auf die
Brust, an die Stelle, wo sich sein Herz befindet und sagt „Perú, te amo!“. Ich
lächle und verstehe es vollkommen. Ich glaube, ich auch irgendwie.
Wir halten an, holen die
Fahrräder vom Dach, präparieren uns für die Abfahrt in die Selva. An die 60km.
Und um die 3500 Höhenmeter Unterschied. Eine übertrieben fetzige Sache. Auf dem
Fahrrad der Landschaft beim Verändern zusehen. Alle hundert Meter wird es
heißer, es tauchen riesengroße Bananenstauden auf, die Dörfer werden zu kleinen
Ansammlungen von einfachen Holzhütten, man kann jetzt auch die Tiere der Selva
hören: Vögel, Affen und so einiges mehr. Das Glücksgefühl tanzt in mir.
Schwitzend kommen wir an. Und schmeißen uns mit Genuss in den Bach, dessen
Wasser frisch und kühl aus den Felsen entspringt. Die Dunkelheit bricht ein.
Halb 6 pm. Uns fehlen uns nurnoch ein paar Stunden bis nach Puerto Maldonado,
die Stadt in der Selva.
Zwei Tage unterwegs.
Unvorstellbar für unsere gewohnten, durchaus winzigen Entfernungen, innerhalb
Deutschlands. Aber gerade auch dadurch versteht man erst, wie enorm und
vielseitig dieses spektakuläre Land ist.
Perú, me gustas tú!