Montag, 14. November 2011

Kleinigkeit

Ich fass es nicht...

... nach sieben Minuten habe ich das Gefühl meine Lungen würden sich jeden Moment nach außen krempeln. Aber auch sie müssen sich wohl an sowas gewöhnen. Für den Anfang ist es ok und sicherlich normal. Mit Laufsachen, rotem Gesicht und nach Luft ringend biege ich in den Mercado ab. Auf schnellstem Weg zu dem Brotregal. Ganz oben rechts in der Ecke liegt das Vollkornbrot. Ich komme mir schon irgendwie dekadent vor, während ich nach dem schwarzen Brot greife auf dem dick und fett "Sonnenblumenbrot" steht. Nebenan in den Regalen findet man beim genaueren Hinsehen "Apfelrotkohl" und "Sauerkraut" und andere kaum bezahlbare Dinge aus Deutschland. Ich frage mich, was das soll. Und vor allem frage ich mich, warum ich nicht darauf verzichten kann. Ich ärgere mich über mich selbst und trage das Brot zur Kasse.

... es tut einen Schlag und irgendetwas schleift links unten auf der Straße. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich sitze etwas tiefer als die Leute auf der rechten Seite. Der Combi hält an und lässt uns alle aussteigen. Gerade eben habe ich mich tatsächlich noch darüber gewundert, dass die doch sehr alt und kaputt scheinenden Autos und Busse, doch so unkaputtbar sind. Ich strecke die Hand aus nach dem nächsten Combi.

... mein Gesicht spannt. Wir lachen über unseren Sonnebrand ohne Sonne. Und wir haben schon angefangen uns über die Wolken zu ärgern, als wir unsere Füße in den warmen Sandstrand eingruben. So viele Wolken hatten wir lange nicht gesehen. Kein Sonnenstrahl, wie seltsam. Dennoch eine Wärme am Strand. Nachdem uns eine unerwartete Welle die Kleider bis zum Oberschenkel überflutet hatte und der erste Schock über die Kälte des Wassers überwunden war, stürzten wir uns komplett in die Wellen. Kaum Menschen am Meer. Die Saison geht erst im Dezember los, wurde uns gesagt. Camaná ist wie ausgestorben. Man sieht immernoch die Spuren des Hurricanes 2001. Erschreckend, irgendwie.


... 14 Uhr. Samstag. Die Sonne knallt, kaum auszuhalten. Von weitem höre ich eine Melodie. Ach, das Müllauto. Ich habe schonwieder vergessen, den Müll auf die Straße zu stellen. Aber die Melodie hat sich verändert. Statt der Dauerschleife von "Für Elise" steht jetzt "Jingle Bells" an. Die Bäume blühen. Meine Arme und Schultern sind brauner als jemals zuvor. Ich stehe auf der staubtrockenen Straße, im Sommerkleid mit Sonnenbrille und denke "Es wird Weihnachten!"

... wie die Zeit rast. In zwei Wochen muss ich meinen ersten Quartalsbericht geschrieben haben. Ein Viertel ist schon um. Die Zeit ist viel schneller als ich.

... wie schwer es ist, Kleinigkeiten in Worte zu fassen... Viel zu viel nicht zu fassen. Deswegen nur eine Kleinigkeit. Hasta Pronto!




jule am pazifik




janika conmigo



Dienstag, 1. November 2011

Si, se pueden!


Ich liege auf dem höchsten Fleck Erde, was ich jemals betreten habe. Das Atmen fällt schwer. Mein Kopf schmerzt. Ich bin müde. Obwohl ich dagegen kämpfe, fallen mir die Augen zu und ich falle in einen kurzen, aber sehr tiefen Schlaf. Stimmen um mich herum rufen. Theresa. Theresita. Levanatate. Mira, que bonito. (Steh auf. Schau, wie schön.) Ich öffne die Augen und sehe das Gipfelkreuz. Ich schließe sie und öffen sie wieder. Wirklich, das Gipfelkreuz. Ich fass es nicht, ich hab‘s geschafft. Und wieder: Levantate Theresita! Verdammt, ich würde ja gerne.

Jose sagt mir, dass ich aufstehen soll und dass es mir gleich wieder besser geht, sobald wir absteigen. Aufstehen? Die Aussicht genießen? Fotos machen? Und danach absteigen? Ob ich das schaffe? 

Ich kann mich nicht erinnern, wie lang ich auf dem Gipfel lag, bevor ich aufstehen konnte. Vielleicht zwei Minuten, vielleicht 20… Ich setze mich auf. Nachdem ich den Schwindel überwunden habe, sehe ich, was alle anderen schon fleißig fotografieren. Arequipa – so klein. Die Berggipfel der Anden – fast auf gleicher Höhe. Und den riesigen Vulkankrater des Mistis. In der Tat wunderschön. Ich krame die Kamera aus meiner Jackentasche, stehe langsam auf. Wow. 5822 Höhenmeter. Ich muss Lachen. Und selbst das ist gar nicht so leicht auf dieser Höhe…

Nach 4 Stunden Schlaf bin ich am Vortag um 5.00 a.m. aufgestanden um mit einer Gruppe aus insgesamt acht Personen den Vulkan zu besteigen, der über Arequipa thront. Seit einer Woche denke ich jedes Mal, wenn ich den Blick gen Himmel richte: Am Wochenende stehst du da oben! (Dass ich im Endeffekt vielmehr „da oben“ lag als stand, soll an dieser Stelle vernachlässigt werden.) Zumindest hoffte ich das, nachdem ich von sämtlichen Leuten Geschichten gehört habe vom Aufgeben, Verlorengehen, schlimmsten Auswirkungen der Höhenkrankheit, Unfällen und Ähnlichem.  
Um 7 Uhr starteten wir mir gepackten Rucksäcken auf einer Höhe von etwas mehr als 3000m die erste Etappe. Mit vielen Keksen und Süßigkeiten und natürlich Coca in den Taschen. Der Aufstieg glich Anfangs einer angenehmen Wanderung durch eine steinige Landschaft mit Steppengras, niedrigen, blühenden Büschen und einigen seltsamen größeren Insekten. Das Campamento, was wir gegen Mittag erreichen wollten, liegt auf einer Höhe von 4600m. Nach und nach verabschiedeten wir uns von den wenigen grünen Pflanzen, wanderten über sandigen bis steinigen Boden und kletterten über steile felsige Abschnitte. Trotz gutem Schuhwerks macht einem  der weniger feste Untergrund zu schaffen. Drei Schritte aufwärts, zwei Schritte abwärts rutschend. Mit der Zeit spürt man die Höhe immer mehr. Schwere Atmung. Kopfschmerzen. Langsame Bewegungen. Müdigkeit. Es wird kälter. Aber die Sonne brennt umso mehr.

Wie geplant erreichen wir kurz nach Mittag das Campamento, schlagen die Zelte auf. Es gibt Pasta. Dick eingepackt schlafen wir im warmen Vulkansand in der Sonne ein. Der kalte Wind pfeift uns um die Ohren und treibt uns zum Schlafen in die Zelte. Gegen Nachmittag kommen mehr Menschen an, die ihr Glück versuchen wollen, den Gipfel zu erreichen. Als ich halb 5 p.m., halbwegs ausgeruht von der ersten Etappe und etwas mehr an die Höhe gewöhnt, aus dem Zelt krieche, hat sich die Luft um einiges abgekühlt. Die Sonne nähert sich dem Untergang. Ich schaue den Berg hinab und staune über die Vielzahl von Zelten. Jose erzählt mir, dass manchmal bis zu 120 Menschen gleichzeitig die aus gestapelten Rocas gebauten, windgeschützten Schlafplätze aufsuchen. Krass. Jetzt sind es schon viele, finde ich. 30 vielleicht. Zum Sonnenuntergang gibt es Gemüsesuppe. Passend zur Kälte. In der Nacht sollen sich die Temperaturen auf dieser Höhe dem Nullpunkt nähern. Ich habe jetzt schon alles an, was ich dabei habe. Vamos a ver. 
Sonnenuntergang. Traumhaft. Klar. Die Lichter und Geräusche der fernen arequipenischen Samstagsnacht zu sehen und zu hören ist irgendwie seltsam. Überall Berge, Felsen, Canyons, Natur und Ruhe. Mittendrin so eine Riesenstadt. Mit ihren hupenden Kombis und rufenden Cobradores. Ich meine, ihr „Baja a la esquina? Alguien baja? Nadie? Vamonos! Baja a la feria? Baja. Ya, Baja, Baja, Baja. Sube, Sube, Sube!” hier oben hören zu können. 

Halb 7 ist es wie immer stockdunkel. Um die Batterien der Stirnlampen für den nächtlichen Aufstieg zu schonen und unsere körpereigenen Batterien wieder aufzuladen, verkriechen wir uns in die Zelte. Halb 1 in der Nacht wird aufgestanden. Die Rucksäcke werden im Campamento gelassen. Bis auf zwei Paar Socken, Thermoleggings, Hose, drei Shirts, zwei Fleecejacken, Windbreaker, Handschuhen, Mütze, Schal, Fleecekapuze und Stirnlampe trage ich einen Liter Wasser, meine Kamera, Sonnenbrille, Kekse, Bonbons und Tabletten gegen Kopfschmerzen, Höhenkrankheit und anderes körperliches Versagen und natürlich etwas Coca in meinen Taschen. Noch ein Schluck warmen Cocatee und ein Marmeladenbrötchen und los geht’s. Ich lasse mir durch den Kopf gehen, dass noch ungefähr 1200 Höhenmeter bis zum Gipfel fehlen. Die Stunden bis zum Sonnenaufgang sind so kalt, dass einem nicht mal vom Aufstieg einigermaßen warm wird. Langsam macht die Höhe meinem Körper zu schaffen. Mir wird schlecht. Jose schiebt mir eine Tablette gegen Übelkeit zu. Sie soll sehr schnell helfen. Ich glaube ihm das und spüle sie mit warmen Cocatee herunter. Und tatsächlich, besser. Placebo oder nicht, ist mir auch egal. Viele Pausen. Ich habe sie gehasst. Wartend auf diejenigen, die größere Probleme mit der Atmung und der Höhe haben. Man hat Lust, sich zu setzen um wieder zu Luft zu kommen. Aber die Steine sind so kalt, das man das Gefühl hat, man würde festfrieren.  Und sobald man sitzt, fallen einem die Augen zu. Putamadre. Weiter. Weiter. Langsam schleichen wir den Berg hinauf. Die Sonne geht endlich auf. Ein Glück, etwas Wärme. Es ist 5 Uhr. Wir sind fast 4 Stunden unterwegs. Wie viele Höhenmeter fehlen noch? 500? Ja, dann haben wir es ja bald. Dachte ich… ungefähr fünf Minuten lang. 

Die Höhe holt mich ein. Wieder der Magen. Mir wird gesagt, dass ich endlich mal wieder was essen soll. Hier Bonbons, da Kekse. Ich kann nicht. Die Übelkeit. Keine Energie. Ein paar Schlücke Cocatee. Ich knabberte etwas an der Karotte, die ich mir in die Hosentasche gesteckt hatte. Auch kein Vergnügen. Ganz runzlig und ausgetrocknet auf dieser Höhe. Ärgerlich. Ich schmeiß sie weg und schaue ihr nach, wie sie den steinigen Berg hinunter purzelt. Wie schön es hier ist. Die Aussicht – unbeschreiblich. Obwohl es schwer ist, freue ich mich, hier zu sein. Ich schaff das. Weiter. Ein paar Meter, dann bleibe ich stehen. Atmen! Schritte. Setzen! Verdammt, bin ich müde. Mir fallen die Augen zu. Wenn mich die Anderen nicht wecken würden, würde ich hier ewig liegen bleiben. Vermutlich.
So geht es einige Zeit. 
Da! Das Gipfelkreuz! Zum Aufgeben bin ich jetzt also schon zu nah. 300 Höhenmeter fehlen aber sicherlich noch.
Die Schwersten 300 m meines Lebens. De verdad. Ich sehe die anderen etwa 100 Schritte weiter oben sitzend oder liegend warten. Ich zähle meine Zwergenschritte. 25. Pause. Atmen. 25. Pause. Atmen. 25. Pause. Schwindel. Mir dreht sich der Magen um. Kurz darauf finde ich mich auf Knien und Händen abstützend über etwas Möhre und Cocatee wieder. Besser. Ich stehe auf, schleiche langsam zu den anderen und falle neben ihnen auf den sandigen Boden. Ich hatte die Worte „Ich kann nicht. Lasst mich hier. Ich will schlafen.“ kaum auf Spanisch ausgesprochen, da wurde ich von kräftigen Händen nach oben gezogen. Claro. Tu puedes. Falta un poquito. Vamos. Llegamos! Es ist schwer für alle. Im Gänsemarsch nehmen wir die letzte Etappe. 15 Pasos. Pause. Ich zähle mit, das lenkt ab. 15. Pause. Sehr langsam kommt der Gipfel näher. Für die letzten Meter sammele ich alle meine Kräfte. 

Ich finde mich liegend auf dem Boden wieder. Auf dem höchsten Fleck Erde, was ich jemals betreten habe.

Se acabo! Aber glücklich! Es sich gelohnt... aber seht selbst!
Start! Si, se pueden!











über dem campamento



am Untergehen um 6.00 p.m.