Freitag, 23. Dezember 2011

esta lloviendo!

Es hört sich anders an. Die Schritte der Menschen, die mit Plastiktüten um das Haar gebunden durch die Straßen laufen, das Rollen der Autos und Busse, das Gehupe und auch die Rufe der Straßenhändler und Cobradores. Ich hole Anlauf und springe mit einem Satz über den anschwellenden Bach Regenwasser auf der Straße. Ich lache. Meine Stoffschuhe sind schon halb aufgeweicht. Irgendwie konnte ich es mir nicht nehmen lassen, die kleinen und großen Pfützen weiter unten in der Straße mitzunehmen. Ein bisschen fühle ich mich wie ein kleines Kind, dass sich nach einen dreiviertel Jahr wieder über den Schnee freut. Wahrscheinlich bin ich auch genau das, nach vier Monaten ohne Regen. Irgendwie aufgeregt.
Die staubtrockene Stadt saugt den Regen auf, als dürste sie es schon seit Jahren danach. Obwohl die aufziehenden Wolken schon seit Wochen den bevorstehenden Regen ankündigen, scheinen die Peruaner etwas überfordert... planlos... unvorbereitet. Auf den Straßen steht das Wasser. Der Verkehr ist vielleicht noch ein bisschen chaotischer, wer weiß. Stromausfall. Irgendwie schön!

Die Straßen sind voller Menschen, Autos und vieler anderer Dinge... wir halten den nächsten Kombi an. Es scheint als passt diesmal wirklich kein Mensch mehr hinein. Im schmalen Mittelgang des Busses drängen sich die Menschen schon in Dreiherreihen. Vamos, sag ich und wir springen durch den Regen zum Kombi. Sube atras! Avanza! Arriba! Wir müssen schieben. Perdon! Schlussendlich landen wir auf der untersten Stufe der geöffneten Hintertür des Busses... Jule schaut mich an und wir fangen an zu lachen. Das Wasser der Straßen spritzt uns an die Beine. Der frische Regenduft weht uns ins Gesicht, während die anderen Passagiere wahrscheinlich um jedes bisschen Frischluft kämpfen müssen. Ich fühle mich wie ein Cobrador, hänge aus der Tür und muss mir verkneifen, die Stationen auf die Straße zu rufen.
So zusammengepresst im Kombi, wo jeder jeden festhält, damit er nicht in der nächsten Kurve aus der Tür fällt, kommt irgendwie ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. Ich habe das Gefühl, die Menschen freuen sich über den Regen. Vielleicht ist Regen zu Weihnachten hier ein bisschen wie weiße Weihnacht in Deutschland.

Jule weckt mich am frühen Morgen. Boah, Resa, hast du den Misti schon gesehen. Was? Leicht verschlafen werfe ich ein Blick aus dem Fenster. Unglaublich. Ich kann es kaum fassen. Die wenigen Stunden Niederschlag gestern haben dem Misti ein weißes Kleid umgehangen. Die Wolken verziehen sich langsam weiter Richtung Anden und Selva. Seit ein paar Stunden knallt wieder die Sonne. Es ist eben Sommer in Perú. Ich blicke in Richtung Berge und denke, dass ich vielleicht sogar mehr Schnee sehen kann als Viele in der Heimat. Weihnachten mal anders. Ich freue mich schon auf den nächsten Regen.


Eine passende Gelegenheit um der Welt frohe Weihnachten zu wünschen. Für mich scheint es dieses Jahr nicht so wichtig zu sein. Auf die sorgenden Worte, die mich bereits erreicht haben, erwidere ich an dieser Stelle: Meine Heimat und die lieben Menschen werden mir morgen nicht mehr und auch nicht weniger fehlen als an anderen Tagen!

Abrazos de Navidad!

El Misti en el verano... jaja


Montag, 19. Dezember 2011

nublado


Ich habe das Gefühl, dass die Wolken, die langsam über der Stadt aufziehen, sich auch in meinem Kopf breit machen. 

Elodie und ich sitzen auf dem Balkon. Die schwarzen Füße gegen das weiße Geländer gelehnt, wie immer. Die zahlreichen Abdrücke lassen sich gut zurückverfolgen. Der eigentliche Blick auf den Misti und den Picchu Picchu wird uns heute Nachmittag durch eine dicke Schicht, schwerer, grauer und nach Regen aussehender Wolken verwehrt. Seltsam, aber das haben wir die Tage schon öfter gehabt.

Wie es mir ginge, fragt Elodie. Ich überlege und merke dabei schnell, dass sich die Frage gar nicht so schnell und einfach, wie sonst, beantworten lässt. Dennoch schiebe ich ein „Bien!“ vorneweg.  Sie schaut mich an und lächelt. Ich weiß, dass sie mir das nicht glaubt. Ich krame alle spanischen Worte zusammen, die ich in den letzten dreieinhalb Monaten gesammelt habe und erzähle ihr, was mir seit Tagen den Kopf vernebelt.

Nach dreieinhalb Monaten habe ich die Zeit des Ankommens, Eingewöhnens und Staunens soweit hinter mir, dass Platz für neue, andere Gedanken ist. Die schwerwiegenden Probleme mit Sprache und Kommunikation sind zum größten Teil überwunden. Ich habe begriffen, dass ich für ein Jahr als Freiwillige in Perú eine Förderschule unterstützen werde. Was auch immer das jetzt für mich bedeutet!?
Was auch immer es bedeutet, wenn man merkt, dass die Ideale, Werte, Einstellungen und die Mentalität doch um einiges mehr von Herkunft beeinflusst sind, als man es jemals für möglich gehalten hat. 

Es ist Fiesta in der Schule. Die Kinder müssen still auf den Stühlen sitzend auf ihre Geschenke warten. Ein Kind steht auf und springt durch den bunt gestalteten Innenhof. Die Stimme der Profesora übertrumpft die Musik: Setz dich hin! Was ist los mit dir? Bevor das Gebrüll und Geschimpfe lauter wird, gehe ich hin und nehme das Kind mit zu mir. Da muss es nicht ganz so stocksteif dasitzen. Die Lehrerin sieht, dass es auf meinen Schoß rumturnt und schaut mich fragend an. Du musst strenger sein! Er versteht es sonst nicht. Ich antworte kopfschüttelnd, dass ich nicht strenger sein kann und will und dass er nach einer Stunde stillsitzen einfach nicht mehr länger kann und Bewegung braucht. Kaum ausgesprochen bin ich erschrocken über das, was ich gesagt habe. Zum einen war es das erste Mal, dass mein Spanisch dafür ausgereicht hat, zum anderen habe ich dem entgegengesetzt, was ich eigentlich mit meinem kulturellen Hintergrund gar nicht richtig verstehen kann. Genau in solchen Momenten frage ich mich, wie ich meinen Platz in der Schule finden kann. Mit dem Wissen, dass ich Sachen sehe und erlebe, die ich nicht verstehen und nachvollziehen kann. Mit dem Wissen, dass ich mich mit meinem mangelhaften Spanisch nicht auf gleichem Niveau unterhalten kann. Mit dem Wissen, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, um zu verstehen. Und dem Eingeständnis, dass ich hier angekommen, eigentlich nichts weiß. Nichts über die Mentalität, die Pädagogik, die Erziehung, die Elternhäuser, den Grund der doch sehr unterschiedlichen Motivation. Aber dennoch in manchen Situationen die Hände über dem Kopf verschränken könnte. Ohne tatsächlich zu wissen, ob ich ein Recht dazu habe…

Die Kinder haben jetzt eine lange Zeit Weihnachts- und Sommerferien. Wir arbeiten trotzdem noch: Papiere, Dokumente, Berichte und Diskussionen darüber, wie wir das Curriculum im kommenden Jahr angehen. Mir wurde angeboten, die Kinder in dieser Zeit zu Hause zu besuchen und die Idee und das proyecto educativo, was hinter der Schule steht, kennenzulernen. Vielleicht eine Möglichkeit dem näher zu kommen, dem ich mich gerade leider so fern fühle…

Elodie nickt zustimmend. Ihr ginge es ähnlich. Wie wundervoll, dass unser Spanisch nach dreieinhalb Monaten endlich für solche Gespräche ausreicht. Sie hat Recht. Der Gipfel des Mistis schaut, in Farben des Sonnuntergangs getaucht, aus den Wolken hervor. Irgendwie gut das wir hier sind, mit allen Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, die wir haben und Erfahrungen die wir machen; hier und über uns selbst.