Ich habe das Gefühl, dass die
Wolken, die langsam über der Stadt aufziehen, sich auch in meinem Kopf breit
machen.
Elodie und ich sitzen auf dem
Balkon. Die schwarzen Füße gegen das weiße Geländer gelehnt, wie immer. Die
zahlreichen Abdrücke lassen sich gut zurückverfolgen. Der eigentliche Blick auf
den Misti und den Picchu Picchu wird uns heute Nachmittag durch eine dicke Schicht,
schwerer, grauer und nach Regen aussehender Wolken verwehrt. Seltsam, aber das
haben wir die Tage schon öfter gehabt.
Wie es mir ginge, fragt Elodie.
Ich überlege und merke dabei schnell, dass sich die Frage gar nicht so schnell
und einfach, wie sonst, beantworten lässt. Dennoch schiebe ich ein „Bien!“
vorneweg. Sie schaut mich an und
lächelt. Ich weiß, dass sie mir das nicht glaubt. Ich krame alle spanischen
Worte zusammen, die ich in den letzten dreieinhalb Monaten gesammelt habe und
erzähle ihr, was mir seit Tagen den Kopf vernebelt.
Nach dreieinhalb Monaten habe ich
die Zeit des Ankommens, Eingewöhnens und Staunens soweit hinter mir, dass Platz
für neue, andere Gedanken ist. Die schwerwiegenden Probleme mit Sprache und
Kommunikation sind zum größten Teil überwunden. Ich habe begriffen, dass ich
für ein Jahr als Freiwillige in Perú eine Förderschule unterstützen werde. Was
auch immer das jetzt für mich bedeutet!?
Was auch immer es bedeutet, wenn
man merkt, dass die Ideale, Werte, Einstellungen und die Mentalität doch um
einiges mehr von Herkunft beeinflusst sind, als man es jemals für möglich
gehalten hat.
Es ist Fiesta in der Schule. Die
Kinder müssen still auf den Stühlen sitzend auf ihre Geschenke warten. Ein Kind steht auf und springt durch den bunt
gestalteten Innenhof. Die Stimme der Profesora übertrumpft die Musik: Setz dich
hin! Was ist los mit dir? Bevor das Gebrüll und Geschimpfe lauter wird, gehe
ich hin und nehme das Kind mit zu mir. Da muss es nicht ganz so stocksteif
dasitzen. Die Lehrerin sieht, dass es auf meinen Schoß rumturnt und schaut mich
fragend an. Du musst strenger sein! Er versteht es sonst nicht. Ich antworte
kopfschüttelnd, dass ich nicht strenger sein kann und will und dass er nach
einer Stunde stillsitzen einfach nicht mehr länger kann und Bewegung braucht.
Kaum ausgesprochen bin ich erschrocken über das, was ich gesagt habe. Zum einen
war es das erste Mal, dass mein Spanisch dafür ausgereicht hat, zum anderen
habe ich dem entgegengesetzt, was ich eigentlich mit meinem kulturellen
Hintergrund gar nicht richtig verstehen kann. Genau in solchen Momenten frage
ich mich, wie ich meinen Platz in der Schule finden kann. Mit dem Wissen, dass ich
Sachen sehe und erlebe, die ich nicht verstehen und nachvollziehen kann. Mit
dem Wissen, dass ich mich mit meinem mangelhaften Spanisch nicht auf gleichem
Niveau unterhalten kann. Mit dem Wissen, dass jeder seine eigenen Erfahrungen
machen muss, um zu verstehen. Und dem Eingeständnis, dass ich hier angekommen,
eigentlich nichts weiß. Nichts über die Mentalität, die Pädagogik, die Erziehung,
die Elternhäuser, den Grund der doch sehr unterschiedlichen Motivation. Aber
dennoch in manchen Situationen die Hände über dem Kopf verschränken könnte.
Ohne tatsächlich zu wissen, ob ich ein Recht dazu habe…
Die Kinder haben jetzt eine lange
Zeit Weihnachts- und Sommerferien. Wir arbeiten trotzdem noch: Papiere,
Dokumente, Berichte und Diskussionen darüber, wie wir das Curriculum im kommenden
Jahr angehen. Mir wurde angeboten, die Kinder in dieser Zeit zu Hause zu besuchen und die Idee und
das proyecto educativo, was hinter der Schule steht, kennenzulernen. Vielleicht
eine Möglichkeit dem näher zu kommen, dem ich mich gerade leider so fern fühle…
Elodie nickt zustimmend. Ihr
ginge es ähnlich. Wie wundervoll, dass unser Spanisch nach dreieinhalb Monaten
endlich für solche Gespräche ausreicht. Sie hat Recht. Der Gipfel des Mistis
schaut, in Farben des Sonnuntergangs getaucht, aus den Wolken hervor. Irgendwie
gut das wir hier sind, mit allen Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, die wir haben
und Erfahrungen die wir machen; hier und über uns selbst.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen