Montag, 1. Oktober 2012

el paso mas penoso.



Ich steige die Treppe zum Flugzeugeingang hinauf. Sehe die offene Tür und den freundlich schauenden Flugbegleiter, der mir schon ein gutgelauntes „Buenos días señorita“ entgegen schmettern möchte - während ich ihm noch einmal den Rücken zukehre. 

Ein letzter Blick auf die atemberaubende Landschaft und Arequipa. Mal wieder die schneebedeckten Vulkangipfel des Mistis, Chachanis und Picchupicchus, die mich jeden Tag mit ihrer energiegeladenen Ausstrahlung durch den Tag begleiteten. Auch wenn den immer strahlend blau leuchtenden Himmel heute Wolken bedecken, bringe ich es nicht über das Herz den schwierigsten Schritt zu gehen. 
Einsteigen. 

Ich stehe so da und schaue und genieße. Dicke schmerzgetränkte Tränen rollen mir aus den bereits rotgeweinten und geschwollenen Augen über die Wangen. Ein unbeschreiblich flaues Gefühl breitet sich in der Magengegend aus und auch darüber hinaus. Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf und verursachen einen üblen Schwindel.

Jetzt ist es soweit. Du verlässt die Stadt. Arequipa, deine Schule, deine Freunde, deine Berge, deine Felsen - dein Leben hier.  Und so wie du es jetzt noch in dir trägst, wirst du es – selbst, wenn du dir noch so sicher bist, zurückzukehren - nicht wieder vorfinden können. Nicht genau so. Nicht mit dem Kleinbus Elodies, der dich an den Flughafen bringt und mit den Freunden aus aller Welt, die dich sogar bis hierhin begleiten; bis zum letzten gemeinsamen Augenblick. Es ist nicht fair. Warum entscheide nicht ich, wann ich bereit bin zum Zurückkehren? Warum gibt es Institutionen in Deutschland, die eine doch so wichtige und schwerwiegende persönliche Entscheidung für mich treffen – Ohne überhaupt zu wissen oder verstehen zu können, was sie da tun. Ohne überhaupt nachzufragen. Und obwohl ich mir die letzte Zeit so gut eingeredet habe, dass diese Rückkehr Teil meines Jahres in Peru ist und ich es damit erst komplett mache, erkenne ich den Haken an der ganzen Sache. Es fühlt sich nicht richtig an.

Ich bin die Letzte. Ein Dutzend Flughafenpersonal und Fluggesellschaftsmitarbeiter kamen mir bereits am Gate entgegen. Beeilung. Hierentlang. Hier dies und hier das. Was? Nein. Das ist nicht richtig, das bin nicht ich, die gerade halbautomatisch zum Flugzeug gegangen wird. Mit dem Gefühl im Inneren einen großen Fehler begangen zu haben. Scheiße. Ich habe unbewusst schon alles gegeben, aber irgendwie hat es dann doch noch gereicht, um den Flieger nicht zu verpassen. Ich laufe über den Flugplatz zur Treppe. Nein. Das ist noch nicht vorbei. Lauf, Resa. Jetzt. Du musst einfach loslaufen und dann bist du frei. Wer sagt denn, dass du jetzt mitfliegen musst. Bleib stehen. Geh da nicht hin. Corre nomas. Mit mir selbst ringend schleppe mich so dahin und lande auf der obersten Treppenstufe trotzdem ich einige Male stehengeblieben bin, mich umgedreht habe. In der Hoffnung eine_n meiner Freund_innen zu sehen, mir zurufend. Reeesaaaa. Wach auf. Bleib hier. Das ist doch alles gar nicht real. Aber da war niemand mehr. In weiser Voraussicht … vielleicht. 

Der Flugbegleiter bittet mich sehr höflich und einfühlend, nun auch endlich einzusteigen. Und obwohl er sicherlich ein toller Typ ist, kann ich ihn nicht so richtig leiden. Der hat doch keine Ahnung, denke ich schluchzend. Meiner Boardingkarte zum ersten Mal Beachtung schenkend suche ich mir meinen Sitzplatz; die mitleidig wirkenden Blicke der „bereiten“, schon angeschnallt wartenden Fluggäste aushaltend. Ich merke erst jetzt selbst, dass ich nicht mit dem bitterlichen Weinen aufhören kann.

Schmerz. Trauer. Bedauern. Vermissen. Selbstmitleid. Viel zu viel und ich zerfließe darin. Aber ich lass es zu. Denn es gehört dazu.