Die Krankenschwester zieht mir
das Thermometer aus dem Mund. 39,5. Esta noche te quedas aqui! Elodie, am
Fußende meiner Liege sitzend, reißt die Augen auf und stimmt der
Krankenschwester zu. Ja, besser, du bleibst die Nacht hier. Wenn du willst,
bleib ich mit dir. Ich winke ab. Schon gut. Solange wir diskutieren, was wir
machen werden, bringt die Schwester gleich etwas gegen mein verdammtes Fieber
und fügt es zu meiner Infusion hinzu. Bevor ich fragen konnte, was das
überhaupt ist. Ach nur gegen das Fieber. Ok, sowieso zu spät. Der Sala de Observación
ist voller Leute. Ich bekomme davon nicht viel mit, abgetrennt durch die
Vorhänge um meine Liege und durch die Schmerzen in meinem Körper. Kopf, Beine,
Rücken, Unterleib. Ich kann es gar nicht genau lokalisieren. Immer mal blitzt
ein Gesicht durch den Spalt der Vorhänge. Krankenpfleger, Schwester, Arzt… was
weiß ich. Do you speak spanish? Si. Dann ein bekanntes Gesicht. Die Ärztin, die
mich ins Krankenhaus eingewiesen hat. Wie geht es dir? Sie sagen, dass keine
Betten frei sind. Aber mit Deiner hässlichen Infektion und dem Fieber will ich
dich nicht nach Hause gehen lassen. Die Worte prasseln auf mich hernieder.
Elodie übernimmt meinen Teil im Gespräch. Danke. Sie schaut die Ärztin fragend
an: Ja, muss sie denn dann heute Nacht in der Observación bleiben, auf der
Liege? Kann sie dann nicht nach Hause? Was kriegt sie für Medikamente? Was hat
sie? …Meine Gedanken driften weg. Ist mir gerade auch egal. Ich bin müde. Mein
Blick wandert zu meiner Infusion. Tropf. Tropf. Tropf. Ich hatte schon ein
bisschen Angst, als mir die Pflegerin die Kanüle am Arm legte, nachdem sie fünf
Minuten eine brauchbare Stelle gesucht hat. Aber scheint zu laufen. Krass, meine
erste Infusion… soweit ich mich erinnern kann. Meine erste Nacht im Krankenhaus…
soweit ich mich erinnern kann. Manchmal ist man eben ein bisschen selbst schuld…
Am Morgen saß ich noch im
Sprechzimmer der Ärztin. Warum bist du hier? Was fehlt dir? Ich überlege kurz
und beginne mit meiner Geschichte: Vor acht Tagen ging es los. Blasenentzündung.
Nicht so schlimm, habe ich gedacht, mir ein paar Tabletten dagegen in der
Apotheke besorgt. Machen wir kein Drama draus. Nach drei Tagen Einnahme ging es
mir genauso wie vorher. Elodie fragte mich gleich am ersten Tag, warum ich
nicht lieber gleich zum Arzt gehe oder wenigstens eine Analyse machen lasse. Ääähm…
Ja, sie hatte Recht. Wir fuhren zusammen in die Clinica Arequipa. Die Frau im
Laboratorium schaute mich fragend an: Du hast Tabletten genommen? Dann müssen
wir noch drei Tage warten, bis wir eine Analyse machen können. Bring es am
Montag vorbei, dann hast du Dienstag das Ergebnis. Eine Woche mit Beschwerden.
Die Ärztin fragte nach. Und was hast
du heute für Beschwerden? Ich gehe kurz in mich und zähle auf: Unterleib,
Bauch, unterer Rücken, Beine und schon den ganzen Tag ganz stark der Kopf. Sie
schaute sich die Ergebnisse meiner Analyse an, dann in mein schmerzverzerrtes
Gesicht und die wässrigen Augen. Dich hat es schlimm erwischt meine Liebe, ich
schreibe dir eine Einweisung für das Krankenhaus! Mir laufen die Tränen die
Wange herunter. Gibt es keine andere Möglichkeit? Nein, die Beste ist, du
bleibst hier und bekommst Infusionen unter Aufsicht. Langsam schleppe ich mich
zur Aufnahme. 20Uhr. Die Gänge der Clinica sind voller Menschen. Ich rufe
Elodie an, bekomme kaum ein Wort heraus, aber sie versteht mich. Ya vengo,
esperame! Eine Stunde später steht sie mit einem gepackten Rucksack für mich
neben meiner Liege und lächelt mich an. Ob sie zu der Blonden will, wurde sie
gefragt. Die liege bis hinten und warte schon. Wir schmunzeln. Eine Französin
und eine Deutsche, die sich auf halbschlechtem Spanisch unterhalten. Muss ja
auch witzig wirken. Während wir gemeinsam warten, erzählen wir uns irgendwelche
Geschichten. Hilft gegen die Schmerzen und die Langeweile. Um Mitternacht muss
ich dann alleine gelassen werden. Ein bisscehn besser geht es mir. Ob es die
Infusion war oder Elodie? Während ich so darüber nachdenke, falle ich in einen
tiefen Schlaf, der nur gelegentlich von dem überaus lauten Schnarchen des Señores
nebenan unterbrochen wird.
Am zweiten Morgen hat sich mein
Fieber auf 37 Grad stabilisiert. Ich darf gehen, trotz anhaltender Schmerzen,
und die kommenden fünf Tage Nachmittags zur Infusion wiederkommen. Am Tag
Nummer sechs will ich nach Lima, um Kathrin abzuholen und dann mit ihr durch
Perú zu reisen. Haha!
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