Montag, 12. März 2012

nach 5570 km ... (2)


Wir schleichen den Berg hinauf. An Feldern vorbei. An aus Lehm und Stroh gebauten Hütten. Auf dem Weg kommen uns Esel, Mulis, Schafe, Kühe, Hühner und die auf den Feldern arbeitenden, in den grellsten und buntesten Farben eingekleideten, Campesinos/as entgegen. Auf dem ganzen Weg begleitet uns ein Hauch von Eukalyptus. Unbeschreiblich die Landschaft, die Aussicht. Alle paar Meter drehen wir uns um, staunen und genießen. Mit jedem Schritt in Richtung Berglagune legen wir die weiß strahlenden Berggipfel der Cordillera Blanca frei. Man sieht den Schnee und die schwarzen Felsspitzen durch die Wolken schimmern und kann ihre monströs wirkenden eigenebelten Gipfel nur erahnen. Fast alle Sechstausender. Wahnsinn.
Temporada de la lluvia. Regenzeit. Wir können von Glück reden, dass statt des sonst doch gut anhaltenden Regens, lediglich ein paar Wolken die phänomenale Sicht auf die Cordillera beeinträchtigen. Ich mag die Berge. Ich kann hier stehenbleiben und ewig die kantigen Berggipfel zwischen den Wolkenschwaden suchen und – wenn ich das einen ganzen Tag lang machen würde – irgendwann auch jeden einzelnen Gipfel der weißen Bergfront enttarnt haben. Ha! Das mache ich morgen, Kathrin. Kommst du mit? Der Gedanke ist verlockend. Der Plan ist ein anderer: Eine Lagune zwischen den Bergen der Cordillera besuchen. Klingt auch gut. Machen wir.






Wir waren mal wieder viel zu spät. Die Señora hatte es uns ja gesagt. Warum auch immer wir noch ein gemütliches Frühstück im schönen Patio (Innenhof) des Hostals nehmen mussten. Der Versuch, sich nicht zu ärgern, schlägt trotz aller Anstrengungen irgendwie fehl. Es ist aber auch ärgerlich. Wie kann es denn sein, dass 9 Uhr kein Colectivo mehr in Richtung Lagune Llanganuco fährt? Statt der angesagten 10 Soles, wollen die Taxistas bis zu 50. Mit von der etwas drückenden Stimmung getrübten Gesichtern machen wir uns schon fast auf den Heimweg, als plötzlich ein Taxifahrer um die Ecke kommt. Llanganuco? 15 Soles? Klaaaaar. 

Das Auto fällt auf dem steinigen Schotterweg fast auseinander. So wirkt es immer in Peru. Aber nichts passiert. Aus dem Dorf hinaus. Die Sicht. Wow! Chevere! Increible! Unsere Ausrufe machen auch die schlafenden Mädels neben uns wach. Dennoch wirken sie nicht halb so beeindruckt wie wir. Über den grünen Hügeln, Bergen, Feldern und den heute Morgen noch ziemlich tief hängenden Wolken kann man zwei riesige, weiße, eckige, atemberaubende Berggipfel in den Himmel ragen sehen. Wie hoch so ein Berg sein kann. Wie sowas nur entstehen kann. 6818m. Huascaran. Der höchste Berg Perus. Na endlich! 





Vor uns tut sich zwischen den Berggipfeln ein relativ breiter Canyon auf. Da fahren wir jetzt hinein, erklärt uns der Fahrer. Ab und zu steigen Leute, die in den Dörfern auf arbeiten, ein und aus. Ich lausche den Gesprächen auf Quechua. Die ersten, soweit ich mich erinnern kann. Klingt gut. Denke ich. Verstehe dennoch nichts. 




Was uns allerdings nach der Fahrt erwartet, ist kaum mit Sprache auszudrücken. Wir haben viel gesehen und erlebt. Unglaubliches. Wunderschönes. Beeindruckendes. Unvergessliches. Intensives. Schockierendes. Aber dieser Tag im Parque Nacional Huascaran sticht etwas mehr zwischen den anderen Eindrücken hervor… 












Kathrin und ich wechseln Blicke. In den Gesichtern steht es geschrieben. Ich sprech es trotzdem aus. Sag mal, findest du es auch so langweilig?! Verdammt, jaah! Seit einer Woche freuen wir uns so sehr auf den Strand. Die Anden wollten wir nun erst mal für ein paar Tage hinter uns lassen. Das Klima dort nimmt schon etwas mit. Kälte bei Regen, Wind und Wolken. Brennende Hitze bei Sonne. Trockenheit. Das heiße sommerliche Klima klingt nach den eisigen Nächten in den Bergen – Leggings, Thermostrümpfe, Pullover, Schal, Mütze, Schlafsack und einigen schweren Wolldecken – angenehm und verlockend. Nun sitzen wir im Strand. Schauen den Menschen zu, denn davon gibt es heute viele. Wir haben das Longboard-Finale der Surfmeisterschaften erwischt. Die Wellen sind allerdings zu Hausen geblieben. Schade!
Der Kontrast zu dem Leben in den Anden. Hitze. Luftfeuchtigkeit. Mittagssonne. Menschen mit Badesachen. Und plötzlich auch wieder Tourismus. Ungewohnt. Und haut uns auch irgendwie um. 




Für den Preis bringst du uns aber noch bis zur Haustür. Die ältere Frau grinst den Cobrador verschmitzt an. Die Insassen des Kombis brechen in Gelächter aus. Ihr Schaf meckert nur vor sich hin. Ruhe, ruft sie ihm zu. Das Schaf interessiert das nicht. Auch nicht, dass seine neue Besitzerin den kompletten Fahrpreis für es bezahlen soll. Der Kombi ist voll. Die Frauen und Männer kommen vom großen Markt. In den auf den Rücken gebundenen Tüchern tragen sie heute - neben Kindern, Lebensmitteln und sonstigen notwendigen Kleinigkeiten – junge Ziegen, Meerschweinchen und Hühner herum. Platz für die Beine ist, wie eigentlich meistens, keiner. Dass uns dieser heute allerdings von einem kleinen Schwein gestohlen wird, bemerken wir erst, als wir die feuchtwarme Schnauze an unseren Unterschenkeln spüren, die sich sachte aus der großen Tragetasche tastet. Nach dem ersten Schreck müssen wir anfangen zu lachen. So eine Kombifahrt hatten wir bisher noch nicht. Die schlagfertige ältere Dame feilscht immer noch mit dem Cobrador. Nichts zu machen, trotz des Charmes und der taffen Sprüche, die sie auf Lager hat.









nach 3450 km durch Peru. Von 5570.

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