Ich hatte das Gefühl, dass die Wolken, die langsam über der Stadt aufziehen, sich auch in meinem Kopf breit machen. Vino la Temporada de la lluvia – die Regenzeit kam.
Elodie und ich saßen auf dem Balkon. Die schwarzen Füße gegen das weiße Geländer gelehnt, wie immer. Die zahlreichen Abdrücke lassen sich immer noch gut zurückverfolgen. Der eigentliche Blick auf den Misti und den Picchu Picchu wurde uns an diesem Nachmittag durch eine dicke Schicht, schwerer, grauer und nach Regen aussehender Wolken verwehrt. Seltsam, aber das haben wir die Tage vorher schon öfter gehabt. Wie es mir ginge, fragte mich Elodie. Ich überlegte und merkte dabei schnell, dass sich die Frage gar nicht so schnell und einfach, wie sonst, beantworten lässt. Dennoch schob ich ein „Bien!“ vorneweg. Sie schaute mich an und lächelte. Ich wusste, dass sie mir das nicht glaubt. Ich kramte alle spanischen Worte zusammen, die ich in den letzten Monaten gesammelt hatte und erzählte ihr, was mir seit Tagen den Kopf vernebelt:
Die Zeit des Ankommens, Eingewöhnens und Staunens hatte ich so weit hinter mir, dass Platz für neue, andere Gedanken war. Die Komplikationen mit Sprache und Kommunikation waren zum größten Teil überwunden. Ich hatte begriffen, dass ich für ein Jahr als Freiwillige in Perú eine Förderschule unterstützen werde. Was auch immer das für mich bedeutet!?
Was auch immer es bedeutet, wenn man merkt, dass Ideale, Werte, Einstellungen und die Mentalität doch um einiges mehr von Herkunft beeinflusst sind, als man es jemals für möglich gehalten hat.
Es ist Fiesta im „Centro Educativo Basico Especial Paul Harris“ – meinem Förderschulprojekt. Die Kinder müssen still auf den Stühlen sitzend auf ihre Weihnachtsgeschenke warten. Ein Kind steht auf und springt durch den bunt gestalteten Innenhof. Die Stimme der Lehrerin übertrumpft die Musik: Setz dich hin! Was ist los mit dir? Bevor das Gebrüll und Geschimpfe lauter wird, gehe ich hin und nehme das Kind mit zu mir. Da muss es nicht ganz so stocksteif dasitzen wie die anderen sechs Kinder meiner Klasse. Die Lehrerin sieht, dass es auf meinen Schoß rumturnt und schaut mich fragend an. Du musst strenger sein! Er versteht es sonst nicht. Ich antworte kopfschüttelnd, dass ich nicht strenger sein kann und will und dass er nach einer Stunde stillsitzen einfach nicht mehr länger kann und Bewegung braucht. Kaum ausgesprochen bin ich erschrocken über das, was ich gesagt habe. Ich habe mich zwar getraut, das auszusprechen, was ich nicht oder nur schwer verstehe, aber indem auch dem entgegengesetzt, was ich eigentlich mit meinem kulturellen Hintergrund gar nicht richtig verstehen kann.
Genau in solchen Momenten fragte ich mich, wie ich meinen Platz in der Schule finden kann. Mit dem Wissen, dass ich Sachen sehe und erlebe, die ich nicht verstehen und nachvollziehen kann. Mit dem Wissen, dass ich mich auf Spanisch als Fremdsprache nicht auf gleichem Niveau unterhalten kann. Mit dem Wissen, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, um zu verstehen. Und dem Eingeständnis, dass ich hier angekommen, eigentlich nichts weiß. Nichts über die Mentalität, die Pädagogik, die Erziehung, die Elternhäuser, den Grund der doch sehr unterschiedlichen Motivation. Aber dennoch in manchen Situationen die Hände über dem Kopf verschränken könnte. Ohne tatsächlich zu wissen, ob ich ein Recht dazu habe…
Ich habe mich ziemlich viel mit meiner Rolle als Freiwillige beschäftigt. Mit Entwicklung, Entwicklungszusammenarbeit, dem Begriff der Entwicklungshilfe, der trotz allem immer wieder auftaucht oder immernoch wenig überdacht verwendet wird, Entwicklungspolitik hinterfragt und indem auch das, was ich tue... Was mache ich überhaupt, indem ich einen Freiwilligendienst beginne? Was bedeutet das für mich und für mein Projekt, mein Gastland und auch im Hinblick auf meine Einstellung und Wertvorstellung von gelungener interkultureller Zusammenarbeit? Schon auf dem Vorbereitungsseminar hatte ich an Begriffen, wie „Entwicklung“ und „Hilfe“ zu knabbern. Wer entscheidet darüber, wo Hilfe gebraucht wird und wer darüber, was Entwicklung und Entwickeltsein bedeutet? Was ist der „Standard“ und wer hat das Recht, ihn zu setzen? Wie können sich Länder mit doch so unterschiedlichem Hintergrund – in jeglicher Hinsicht – vergleichbar machen? Wo beginnt der Maßstab, wenn man von Ländern der „ersten“ und der „dritten Welt“ spricht? Und wieder: Wer hat das Recht, darüber zu entscheiden?
All diese Fragen, Kritikpunkte und Themen führen theoretisch ins endlose. In der Praxis sieht es anders aus. Und ich bin ein Teil davon – ein ziemlich reflektierter und kritischer Teil und deswegen mittlerweile bereit, mich mit der Rolle, die ich habe, "anzufreunden" und genau das hineinzubringen, was mir an diesem Thema liegt. Für diese Erkenntnis habe ich meine Zeit gebraucht. Ähnlich ist es mit meiner Rolle in meinem Projekt. Was ich bemerke und auch viele andere, ist das unterschiedliche Aussehen, die Sprache. Zwei signifikante Merkmale, die irgendwie darauf hinweisen, dass ich aus einem Land komme, dass sich „Wohlstandsgesellschaft“ nennt und auch als solche gesehen wird. Es ist wahr, dass meine pädagogische Mentalität von derjenigen, der ich im „CEBE Paul Harris“ begegne, etwas abweicht. Aber hat sie das nicht auch schon in vielerlei Hinsicht in Deutschland? Meine Wertvorstellungen, Normen und Ideale sind sicherlich von meiner Herkunft und Kultur geprägt, aber vielleicht sogar noch um einiges mehr von meiner Persönlichkeit. Ich habe lange gebraucht, um mich hier nicht nur als „Deutsche“ wahrzunehmen, sondern als „ich selbst“. Ich, die einige Dinge hier anders sieht, aber das auch in meinem Herkunftsland. Mich aus der Schublade herauszuholen und als Individuum, als eigene Persönlichkeit wahrzunehmen, hat mich einige Zeit und Kraft gekostet. Aber macht es mir leichter, eine Rolle in meinem Projekt zu finden, in der Arbeit als Auxiliar (pädagogische Hilfskraft), in der Schule und mit den Kindern. Versucht ungeachtet der Herkunft, auch wenn genau das nicht immer auszublenden ist.
Die Kinder hatten jetzt eine lange Zeit Weihnachts- und Sommerferien. Wir arbeiteten trotzdem: Papiere, Dokumente, Berichte und Diskussionen darüber, wie wir das Curriculum in diesem Jahr angehen. Mir wurde angeboten, die Kinder in dieser Zeit zu Hause zu besuchen und die Idee und das Bildungsprojekt und Leitbild, was hinter der Schule steht, kennenzulernen. Ich hatte viele Gespräche darüber, einige Diskussionen und auch Meinungsverschiedenheiten. Das alles hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, diese doch ziemlich schwere Phase zu erleben, Konflikte – auch mit mir selbst – zu haben, zu reflektieren, zu kritisieren, aber dennoch zu versuchen, einen Weg für mich selbst zu finden, und damit umzugehen. Ich weiß jetzt, was es für mich bedeutet, hier zu sein - mit allem, was mich dabei und daran beschäftigt. Und in diesem Sinne ist es doch irgendwie gut, dass ich hier bin. Mit allen Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, die ich habe und Erfahrungen, die ich mache; hier und über mich selbst.
Wir treffen uns auf dem Balkon wieder. Wie oft haben wir das alles schon besprochen? Und wie lange haben wir gebraucht um an diesen Punkt zu kommen...
Sechs Monate Peru. Es sind kaum noch Wolken am Himmel. Auch mein Kopf fühlt sich klarer an. Ya se fue la temporada de la lluvia?! A ver...
- ein Versuch, das in Worten wiederzufinden, was sich als wirrer Gedankenmus in meinem Kopf bemerkbar macht... sehr schwierig, besonders für mich in diesem Fall, die richtigen Worte zu finden (wenn sie denn jemals gefunden werden können), dennoch wichtig... deshalb dieser Ausschnitt -
Elodie und ich saßen auf dem Balkon. Die schwarzen Füße gegen das weiße Geländer gelehnt, wie immer. Die zahlreichen Abdrücke lassen sich immer noch gut zurückverfolgen. Der eigentliche Blick auf den Misti und den Picchu Picchu wurde uns an diesem Nachmittag durch eine dicke Schicht, schwerer, grauer und nach Regen aussehender Wolken verwehrt. Seltsam, aber das haben wir die Tage vorher schon öfter gehabt. Wie es mir ginge, fragte mich Elodie. Ich überlegte und merkte dabei schnell, dass sich die Frage gar nicht so schnell und einfach, wie sonst, beantworten lässt. Dennoch schob ich ein „Bien!“ vorneweg. Sie schaute mich an und lächelte. Ich wusste, dass sie mir das nicht glaubt. Ich kramte alle spanischen Worte zusammen, die ich in den letzten Monaten gesammelt hatte und erzählte ihr, was mir seit Tagen den Kopf vernebelt:
Die Zeit des Ankommens, Eingewöhnens und Staunens hatte ich so weit hinter mir, dass Platz für neue, andere Gedanken war. Die Komplikationen mit Sprache und Kommunikation waren zum größten Teil überwunden. Ich hatte begriffen, dass ich für ein Jahr als Freiwillige in Perú eine Förderschule unterstützen werde. Was auch immer das für mich bedeutet!?
Was auch immer es bedeutet, wenn man merkt, dass Ideale, Werte, Einstellungen und die Mentalität doch um einiges mehr von Herkunft beeinflusst sind, als man es jemals für möglich gehalten hat.
Es ist Fiesta im „Centro Educativo Basico Especial Paul Harris“ – meinem Förderschulprojekt. Die Kinder müssen still auf den Stühlen sitzend auf ihre Weihnachtsgeschenke warten. Ein Kind steht auf und springt durch den bunt gestalteten Innenhof. Die Stimme der Lehrerin übertrumpft die Musik: Setz dich hin! Was ist los mit dir? Bevor das Gebrüll und Geschimpfe lauter wird, gehe ich hin und nehme das Kind mit zu mir. Da muss es nicht ganz so stocksteif dasitzen wie die anderen sechs Kinder meiner Klasse. Die Lehrerin sieht, dass es auf meinen Schoß rumturnt und schaut mich fragend an. Du musst strenger sein! Er versteht es sonst nicht. Ich antworte kopfschüttelnd, dass ich nicht strenger sein kann und will und dass er nach einer Stunde stillsitzen einfach nicht mehr länger kann und Bewegung braucht. Kaum ausgesprochen bin ich erschrocken über das, was ich gesagt habe. Ich habe mich zwar getraut, das auszusprechen, was ich nicht oder nur schwer verstehe, aber indem auch dem entgegengesetzt, was ich eigentlich mit meinem kulturellen Hintergrund gar nicht richtig verstehen kann.
Genau in solchen Momenten fragte ich mich, wie ich meinen Platz in der Schule finden kann. Mit dem Wissen, dass ich Sachen sehe und erlebe, die ich nicht verstehen und nachvollziehen kann. Mit dem Wissen, dass ich mich auf Spanisch als Fremdsprache nicht auf gleichem Niveau unterhalten kann. Mit dem Wissen, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, um zu verstehen. Und dem Eingeständnis, dass ich hier angekommen, eigentlich nichts weiß. Nichts über die Mentalität, die Pädagogik, die Erziehung, die Elternhäuser, den Grund der doch sehr unterschiedlichen Motivation. Aber dennoch in manchen Situationen die Hände über dem Kopf verschränken könnte. Ohne tatsächlich zu wissen, ob ich ein Recht dazu habe…
Ich habe mich ziemlich viel mit meiner Rolle als Freiwillige beschäftigt. Mit Entwicklung, Entwicklungszusammenarbeit, dem Begriff der Entwicklungshilfe, der trotz allem immer wieder auftaucht oder immernoch wenig überdacht verwendet wird, Entwicklungspolitik hinterfragt und indem auch das, was ich tue... Was mache ich überhaupt, indem ich einen Freiwilligendienst beginne? Was bedeutet das für mich und für mein Projekt, mein Gastland und auch im Hinblick auf meine Einstellung und Wertvorstellung von gelungener interkultureller Zusammenarbeit? Schon auf dem Vorbereitungsseminar hatte ich an Begriffen, wie „Entwicklung“ und „Hilfe“ zu knabbern. Wer entscheidet darüber, wo Hilfe gebraucht wird und wer darüber, was Entwicklung und Entwickeltsein bedeutet? Was ist der „Standard“ und wer hat das Recht, ihn zu setzen? Wie können sich Länder mit doch so unterschiedlichem Hintergrund – in jeglicher Hinsicht – vergleichbar machen? Wo beginnt der Maßstab, wenn man von Ländern der „ersten“ und der „dritten Welt“ spricht? Und wieder: Wer hat das Recht, darüber zu entscheiden?
All diese Fragen, Kritikpunkte und Themen führen theoretisch ins endlose. In der Praxis sieht es anders aus. Und ich bin ein Teil davon – ein ziemlich reflektierter und kritischer Teil und deswegen mittlerweile bereit, mich mit der Rolle, die ich habe, "anzufreunden" und genau das hineinzubringen, was mir an diesem Thema liegt. Für diese Erkenntnis habe ich meine Zeit gebraucht. Ähnlich ist es mit meiner Rolle in meinem Projekt. Was ich bemerke und auch viele andere, ist das unterschiedliche Aussehen, die Sprache. Zwei signifikante Merkmale, die irgendwie darauf hinweisen, dass ich aus einem Land komme, dass sich „Wohlstandsgesellschaft“ nennt und auch als solche gesehen wird. Es ist wahr, dass meine pädagogische Mentalität von derjenigen, der ich im „CEBE Paul Harris“ begegne, etwas abweicht. Aber hat sie das nicht auch schon in vielerlei Hinsicht in Deutschland? Meine Wertvorstellungen, Normen und Ideale sind sicherlich von meiner Herkunft und Kultur geprägt, aber vielleicht sogar noch um einiges mehr von meiner Persönlichkeit. Ich habe lange gebraucht, um mich hier nicht nur als „Deutsche“ wahrzunehmen, sondern als „ich selbst“. Ich, die einige Dinge hier anders sieht, aber das auch in meinem Herkunftsland. Mich aus der Schublade herauszuholen und als Individuum, als eigene Persönlichkeit wahrzunehmen, hat mich einige Zeit und Kraft gekostet. Aber macht es mir leichter, eine Rolle in meinem Projekt zu finden, in der Arbeit als Auxiliar (pädagogische Hilfskraft), in der Schule und mit den Kindern. Versucht ungeachtet der Herkunft, auch wenn genau das nicht immer auszublenden ist.
Die Kinder hatten jetzt eine lange Zeit Weihnachts- und Sommerferien. Wir arbeiteten trotzdem: Papiere, Dokumente, Berichte und Diskussionen darüber, wie wir das Curriculum in diesem Jahr angehen. Mir wurde angeboten, die Kinder in dieser Zeit zu Hause zu besuchen und die Idee und das Bildungsprojekt und Leitbild, was hinter der Schule steht, kennenzulernen. Ich hatte viele Gespräche darüber, einige Diskussionen und auch Meinungsverschiedenheiten. Das alles hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, diese doch ziemlich schwere Phase zu erleben, Konflikte – auch mit mir selbst – zu haben, zu reflektieren, zu kritisieren, aber dennoch zu versuchen, einen Weg für mich selbst zu finden, und damit umzugehen. Ich weiß jetzt, was es für mich bedeutet, hier zu sein - mit allem, was mich dabei und daran beschäftigt. Und in diesem Sinne ist es doch irgendwie gut, dass ich hier bin. Mit allen Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, die ich habe und Erfahrungen, die ich mache; hier und über mich selbst.
Wir treffen uns auf dem Balkon wieder. Wie oft haben wir das alles schon besprochen? Und wie lange haben wir gebraucht um an diesen Punkt zu kommen...
Sechs Monate Peru. Es sind kaum noch Wolken am Himmel. Auch mein Kopf fühlt sich klarer an. Ya se fue la temporada de la lluvia?! A ver...
- ein Versuch, das in Worten wiederzufinden, was sich als wirrer Gedankenmus in meinem Kopf bemerkbar macht... sehr schwierig, besonders für mich in diesem Fall, die richtigen Worte zu finden (wenn sie denn jemals gefunden werden können), dennoch wichtig... deshalb dieser Ausschnitt -
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