Dienstag, 24. April 2012

nach 5570km (3)

Welch wunderbare Ideen wir haben. Während die Eine mit Infektion einige Tage ihres Peruurlaubs im Bett verbringt, suchen wir nach Aktivitäten in und um Arequipa. Lass doch an den Río Chili fahren und da so ein bisschen langlaufen. Der Río natürlich völlig am ausrasten in der dieses Jahr überdimensional langen Regenzeit in Perú. Egal, solang die Sonne scheint, genießen wir sie.

Weit kamen wir nicht, der Weg am Fluss - wie eigentlich absehbar - weggespült. Um wieder in die Stadt zu kommen, müssen wir Felder überqueren. Wir steigen das Tal hinauf, nicht mehr als 50 Meter. Plötzlich hören wir Rufe. Einige Campesinos winken kräftig mit den Armen. Die Worte dringen nicht ganz bis zu uns durch, aber "Mierda" "no vayan para alla" "chicos les esperan" und weitere Brocken erreichen unser Gehör. Wir zögern. Was ist los? Elodie, Kathrin und ich wechseln Blicke. Ein unheimliches Gefühl. Irgendwas ist faul. Nach einigem Zögern - man weiß ja nie - und weiteren Zurufen, gehen wir hin. 

Was macht ihr denn hier unten am Fluss? Das ist gefährlich. Weiter oben verstecken sich zwei Chicos, die nur darauf warten, dass ihr ihren Weg kreuzt, um euch auszurauben. Oh, wie denn das? Weiter unten am Fluss trafen wir bereits den Dritten im Bunde. Ein Anruf genügt. Die Köpfe hinter Büschen hervorragend erwarten sie uns. Doch dank der Campesino-Fluss-Polizei passiert nichts. Der nette Herr begleitet und bis zum Eingang der Stadt. Wie viel Glück wir haben, realisieren wir erst nach dem Schreck. Mit keiner Silbe haben wir daran gedacht, dass uns so etwas passieren könnte...




Wir sitzen im Bus. Diesmal geht es von Arequipa nach Puno an den Lago Titicaca.  Als der Nebel endlich verflogen ist, zeigt sich die bergige, saftig-grüne Landschaft, die Lagunen, die tausenden Alpakas, Vicuñas und Lamas. Ist das schön! Ist das schön! Wir staunen und fassen es nicht. Eine Familie zwei Sitzreihen vor uns hat aufgegessen. Fenster auf. Tüte raus. Fenster zu. Die Tüte mit einem leckeren Rest Sauce jedoch verhakt sich im Fensterloch, flattert im Fahrtwind und schleudert den restlichen Inhalt gegen das Fensterglas, das uns von der spektakulären Landschaft trennt. Ist das schön! Wir staunen und fassen es nicht.






Die Einreise nach Bolivien mit dem Bus ist perfekt durchgeplant. Dreimal erklärt uns der Herr, der vorne im Bus am Mikrofon steht, den Ablauf. Zettel ausfüllen. Den anderen auch. Reisepass an die Hand. Wir haben genau eine halbe Stunde Zeit. Geld wechseln. Ausreisen. Über die Grenze laufen. Einreisen. In den Bus setzen und weiter fahren. Eine Reisegruppe aus Frankreich steht vor mir in der Schlange. Der Reisepass wurde geklaut. Jegliche beglaubigte Kopien, Bestätigungsschreiben etc. helfen nicht. Heute wird nicht ausgereist. Ohne Pass läuft nichts. Die ganze Reiseplanung - hinfällig. Es läuft für das eine Ehepaar auf eine 20 Stunden Busreise oder einen teuren Flug nach Lima hinaus, um dort alles klären zu können. Na fein! Während ich so darüber nachdenke, wie schnell man von den angeblichen Privilegien verlassen werden kann, die man als Besitzer eines europäischen Reisepasses unfairerweise genießt, höre ich Jule neben mir Aufstöhnen. Was ist los? Sie hat zwar ihren Reisepass, aber die bei der Einreise ausgestellte Andean Migration Card nicht mehr. Ohne diese ist eine Ausreise aus Peru auch eher schwierig. Zurück ins Migrationsbüro. Diskussion. Bezahlung. Warten. Und dann kann es doch endlich weitergehen. Kathrin und ich müssen Jule alleine lassen. Weiter, weiter, ruft uns der Planungsperfektionist des Busunternehmens zu. Aber... Jule spricht doch garkein Spanisch. Es interessiert ihn nicht, vielleicht hört er uns auch garnicht zu. Weiter, Weiter, Los, Los! Wir setzen uns in Bewegung, überqueren die Grenze und warten auf der bolivianischen Seite auf Jule. Hoffentlich geht alles gut. Während wir da so warten, unterhalten wir uns mit Mitreisenden. Bei Einigen treten plötzlich unvorhersehbare Probleme mit dem Pass, der andinischen Migrationskarte oder sonst etwas auf. Die Reise ist an diesem Punkt für sie erstmal vorbei! Das französische Ehepaar verabschiedet sich von ihrer Reisegruppe. Ein junger Italiener kommt zornig aus der Behörde, nachdem er fünf Minuten protestiert und geschriehen hat, darf er jetzt doch weiter. Da kommt Jule. Wir steigen in den Bus. Die letzte halbe Stunde nach Copacabana ist die Stimmung eher angespannt. Einige Sitzplätze sind leer. So kann sich Grenzangst also anfühlen. Und dabei kann das alles auch ganz anderes Ausmaß annehmen.














Die Stundenlangen Nachfahrten in den Semi-Cama-160°-Sitzen der Doppelstockbusse haben uns jetzt vier Woche lang begleitet. Anders kommt man in diesem riesengroßen Land garnicht richtig voran. Die Busse sind immerhin bequemer und teilweise besser ausgestattet als manche Langstreckenflugzeuge. Im Morgengrauen kommen wir am Terminal in Arequipa an. Halb 5. Ich freue mich. Zu Hause. Es hat mir gefehlt. Und irgendwie habe ich diese Reise gebraucht um zu erkennen, das Arequipa mittlerweile zu einer Art Heimat für mich geworden ist. Kathrin und ich setzen uns mit einer Schüssel Suppe und einer Tasse Kaffee auf meine Terasse und schauen der Welt, wie so oft in den letzten Wochen, beim Aufwachen zu. Hinter den zugeschneiten Vulkangipfeln geht die Sonne auf. Ich mag sie, diese Art von Begrüßung. Da bin ich wieder!



Nach 5570 km. Fein!

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